DIE ZEIT: Als ich mir gestern Ihren neuen Film Und Äktschn!, der am 28. Jänner in Wien Weltpremiere haben wird, noch einmal angesehen hatte, dachte ich mir: Der Gerhard Polt, der muss ganz fest an das Gute im Menschen glauben.

Gerhard Polt: Das sagen Sie so. Ich glaub, der Spruch ist von Nestroy: Der Mensch ist an und für sich gut, aber die Leut’ sind ein Gesindel. Wenn man einen einzelnen Menschen genauer anschaut, dann ist er doch oft hilfsbedürftiger, als man glaubt. Vor allem wenn er, wie die Gestalten, die ich so gern mag, Opfer seiner selbst ist und über seine Grenzen nicht hinauskommt. Der ist überheblich, präpotent, äußerst unzulänglich und fast muss man sagen deppert. Trotzdem hat der eine derart große Selbstgewissheit, dass man sich fragt, woher er die nimmt. Aber solche Leute haben was.

ZEIT: Sie spielen in Ihrem neuen Film einen Amateurfilmer, einen liebenswerten Unglücksraben, der ganz besessen ist von seinem Metier und sich in den Kopf gesetzt hat, mit einer Handvoll anderer Amateure das Privatleben von Adolf Hitler zu verfilmen, den er sich auch als Laien vorstellt. Ausgerechnet Hitler.

Polt: Wir kennen den Hitler nur in zwei Erscheinungsformen: entweder brüllend oder als Kasperl, entweder ein Dämon oder ein Depp. Aber der muss damals, als er ein Nobody in München war, auch charmant gewesen sein, nachgerade sympathisch, sonst hätten ihn nicht all diese Frauen der besseren Gesellschaft wie einen Schoßhund bei sich aufgenommen. Das darf man nicht unterschätzen. Der Hitler war auch ein Amateur und Dilettant, da war nur Mittelmäßigkeit, bei seinen Bildern ebenso wie bei dem, was er verzapft hat, und den Leuten, die ihn umgeben haben. Und unsere Idee war es nun, diese Amateurtruppe von einem Haufen Dilettanten spielen zu lassen. Mit so einer Dilettantenorgie kann man diesen Figuren vermutlich näher kommen als in anderen Filmen.

ZEIT: Das sind alles schräge, aber sympathische Figuren. Es taucht kein einziger Widerling auf, jeder ist bemüht, auf seine Art und Weise das Beste zu geben.

Polt: Ja, und ich meine, dass die sympathischen Leute die gefährlicheren sind.

ZEIT: Wieso?

Polt: Wenn ein sympathischer Mensch eine ungeheuerliche Aussage macht, dann trennt man sich von ihm nicht so rasch, wie wenn ein unsympathischer Kerl das tut.

ZEIT: Zugleich haben Sie einen Film über das Filmemachen gedreht. An einer Stelle heißt es: "Realität ohne Film ist nicht möglich."

Polt: Am Anfang sagt der Typ, den ich da spiele: "Ohne den Peter Ustinov wüssten wir nicht, dass Nero Rom angezündet hat."

ZEIT: Das tut er in Quo vadis?, dem Monumentalfilm aus Hollywood.

Polt: Ich bin tatsächlich überzeugt, dass unsere sinnliche Vorstellung historischer Epochen, besonders der Antike, aber auch der Nazizeit, sehr von solchen Filmen geprägt ist. Mehr als vom Geschichtslehrer wahrscheinlich.

ZEIT: Deshalb eine kleine Liebeserklärung an den Film, an einen Film, der gar nicht perfekt daherkommen will?

Polt: Wir wollten einen Film machen, der vom Erzählduktus langsam ist, entschleunigt. Deshalb haben wir ihn Und Äktschn! genannt, weil es keine Action gibt. Aber es gibt die Möglichkeit, den Dialogen zuzuhören.

ZEIT: Wie viel von Ihrem Lebensgefühl steckt in Ihrer Figur?

Polt: Ich kenn solche Menschen. Ich habe einen Amateurfilmer zum Nachbarn. Ich beziehe mich auch auf einen anderen, einen hoch qualifizierten Ingenieur, der in Rente gegangen ist. Der verbringt den ganzen Tag bei seiner Modelleisenbahn, da spielt die Familie keine Rolle. Auf der Drehortsuche sind wir auch zu einem Bauernhof gekommen, wo sich jemand ein Kino eingerichtet hat. Da war jeder Raum, von der Scheune bis zum Herrgottswinkel, mit Filmdosen vollgerammelt. Und dann sagt der den schönen Satz: "Waßt, Polt, man muss sich entscheiden: Film oder Familie." Diesen Satz haben wir dann eins zu eins übernommen.