Als Gabriele Tergit zum ersten Mal das Kriminalgericht in der Turmstraße in Berlin betritt, ist sie keine Heldin. Mit zitternden Beinen steigt sie die Steinstufen hinauf. Dann steht sie vor der hohen Holztür eines Gerichtssaales. Minutenlang.

Es ist das Jahr 1923. Das Jahr, in dem der erste Parteitag der NSDAP in München stattfindet und der nationalsozialistische Völkische Beobachter von einer Wochenzeitung in eine Tageszeitung umgewandelt wird. Und das Jahr, in dem die jüdische Journalistin Elise Hirschmann, die unter dem Pseudonym Gabriele Tergit schreibt, vom Feuilletonchef des Berliner Tageblatts den Posten einer Gerichtsreporterin angeboten bekommt. Doch als Tergit vor dem Saal steht, kann sie sich nicht entschließen, ihn zu betreten. In ihren Augen ist es ein "Ort der Männer".

Wochen vergehen, dann wagt sie den nächsten Versuch. Ein befreundeter Referendar nimmt sie mit. "Hier saß ich allein in der vordersten Reihe des Zuhörerraums. Ich schrieb kein Wort mit, um nicht aufzufallen", erinnert sich Tergit später. Sie merkt sich alles. Den Namen des Angeklagten, die Dialoge. Aus dem Kopf schreibt sie ihre erste Gerichtsreportage, als erste Gerichtsreporterin des Deutschen Reiches.

Neunzig Jahre später betrete ich selbst das einschüchternde Berliner Kriminalgericht Moabit, einen wilhelminischen Bau, in dem der Mensch sich klein und dürftig fühlen soll. Ich schreite durch die kolossale Haupthalle, 29 Meter hoch, drei Meter höher als das Brandenburger Tor, die Steintreppe hinauf. Wie einst Tergit. Dann stehe ich vor der Tür des Gerichtssaals 700. Minutenlang. Und trete ein. Dunkles Holz, eine hüfthohe Schwingtür zu den Zuhörerplätzen, über ihnen eine Wanduhr, auch die aus Holz. Rechts und links in Glaskästen sitzen fünf Angeklagte, davor die Staatsanwälte, die Verteidiger. Zwei Frauen unter ihnen. In diesem Gerichtssaal, diesem "Ort der Männer", hat sich einiges verändert. Zwei Strafverteidigerinnen. Und vier Journalistinnen sitzen mit mir auf der Pressebank. Selbstverständlich. Der Ort der Gerechtigkeit ist auch ein Ort der Frauen geworden.

Zum Gebrauch eines Revolvers genüge Traurigkeit, schreibt sie

Gabriele Tergit, Tochter von Siegfried Hirschmann, dem Gründer der deutschen Kabelwerke, ist erst 19 Jahre alt, als sie 1915 mitten im Ersten Weltkrieg ihren ersten Artikel veröffentlicht. Es wird noch vier Jahre dauern, bis Frauen das Wahlrecht erhalten. Für eine Beilage des Berliner Tageblatts soll Tergit über das Frauendienstjahr und die Berufsbildung von Frauen schreiben. Es ist kein aufregender Text. Ein einfacher Bericht. Doch in der Nacht bevor ihr Artikel erscheint, bekommt Tergit eine "so tödliche Angst", dass sie aufsteht, sich ankleidet. Sie will zum Verlagshaus eilen und alles stoppen. Doch dann wird ihr klar, "dass man keine Schnellpresse anhalten kann". Tergit legt sich wieder hin, der Artikel wird gedruckt. "Ein Mädchen aus guter Familie hat nicht in einer Zeitung zu schreiben", sagen Freunde ihrer Eltern am Tag darauf. "Wenn ich gewusst hätte, dass Sie noch so jung sind, hätte ich den Artikel nicht gebracht", sagt der Redakteur. Das Honorar, 50 Mark, wird ihr auf dem Korridor ihrer Schule auch noch aus der Manteltasche gestohlen. Spätestens da hätte Tergit aufgeben können. Sie hätte heiraten und Hausfrau werden können. Doch das tut sie nicht. Tergit will schreiben. "Ich erkannte, dass ich zu wenig wusste, und fasste deshalb den Entschluss, mein Abitur zu machen und zu studieren."

Gabriele Tergit macht ihr Abitur, studiert deutsche Geschichte. Sie will nicht die haarsträubenden Fehler begehen, die sie in Artikeln anderer Journalisten findet und verabscheut. Nach ihrer Promotion schreibt sie ihre ersten Gerichtsreportagen für das Berliner Tageblatt, ein Jahr später stellt der berühmte Chefredakteur Theodor Wolff (nach dem heute ein renommierter Journalistenpreis benannt ist) sie als Pauschalistin ein. Neun Gerichtsreportagen im Monat soll sie schreiben. Für 500 Mark. Wolff sucht ein Gegengewicht zum genialen Gerichtsreporter Paul Schlesinger, der unter dem Namen Sling in der Vossischen Zeitung seine frechen, gleichwohl literarischen Gerichtsreportagen schreibt und der immer Tergits Vorbild sein wird.