18-mal wechselt Tergit im Exil die Adresse und kommt doch nirgendwo an. In Palästina, wo ihr Mann – er ist Architekt – einen großen Auftrag erhält, wird sie krank. Die Mentalität ist ihr fremd, die Sprache ist ihr unverständlich, das Klima verträgt sie nicht. Fünf Jahre hält sie es aus in Nahost, dann zieht sie mit ihrem Ehemann nach London.

Gerechtigkeit war 1933 nicht die Regel, sondern die Ausnahme

Erst 1948, drei Jahre nach Kriegsende, reist Gabriele Tergit wieder nach Berlin. Sofort zieht es sie ins Kriminalgericht Moabit. Es steht noch unverändert. Der Wachtmeister an der Tür erkennt sie, grüßt sie. Tergit setzt sich in eine Verhandlung, es geht um einen Diebstahl unter kleinen Leuten. Einen gestohlenen Ring. Es ist alles gleich geblieben, sogar die Delikte – und doch erscheint ihr plötzlich alles verändert. "Ich dachte: Dafür dieser Aufwand?", schreibt sie später. "Hundertausende von Ringen waren in der ganzen Welt gestohlen worden, silberne Schüsseln, Gemälde und Teppiche zerbombt, verbrannt und in den halb zerstörten Häusern von Soldaten aller Armeen, von den lieben Nachbarn geraubt worden. Konnte man hier und so wieder anfangen?"

Tergit konnte nicht. Für die Londoner Zeitungen ist ihr Englisch zu schlecht, in Deutschland will sie keiner mehr lesen, einen Verlag für ihr Buch Effingers, das sie im Exil geschrieben hat, findet sie nicht. Auch auf ihre Bittbriefe an die ZEIT bekommt sie nur eine knappe Antwort: Nein danke. 1951 erscheint schließlich ihr Roman Effingers, in dem sie das Schicksal einer jüdischen Familie in Berlin schildert. Das Beste, was sie je geschrieben habe, findet Tergit. Doch kaum einer kauft das Buch. Ihren Lebensunterhalt verdient Tergit zuletzt 24 Jahre lang bei der internationalen Schriftstellervereinigung PEN als Sekretärin.

Im Juli 1982 stirbt sie. Mit 88 Jahren. Eine Frau, die vieles war: Gerichtsreporterin, Frauenrechtlerin, Gesellschaftskritikerin. Immer hatte sie eine eigene Meinung, eine klare Haltung und einen starken Sinn für Gerechtigkeit, in einer Zeit als kaum einer es wagte, eine eigene Meinung zu haben, als alle Haltung verloren und Gerechtigkeit im Gericht nicht die Regel, sondern die Ausnahme war.

Tergits Ziel war auch in hohen Jahren immer das Schreiben. Unaufhörlich – so erzählt es ihr früheres Hausmädchen später – habe sie an ihrer Schreibmaschine gesessen und getippt. Bis zuletzt.

Heute ist keiner mehr übrig, der noch von ihr erzählen könnte. Ihr Sohn starb noch vor ihr bei einem alpinen Kletterunfall, der Journalist Jens Brüning, der nach Tergits Tod ihre Reportagen und Bücher herausbrachte, lebt auch nicht mehr. Tergits Wohnhaus in Berlin ist abgerissen. Nur eine kleine Straße, die vom Potsdamer Platz zum Landwehrkanal führt, erinnert noch an sie: die Gabriele-Tergit-Promenade.

Im Gerichtssaal 700 des Kriminalgerichts Moabit ist die Verhandlung nach drei Stunden vorbei. Die Journalistinnen stecken Papier und Stift weg, die Angeklagten werden abgeführt, Staatsanwälte und Verteidiger packen die Akten zusammen. Ein Justizbeamter lehnt an der Tür, starrt auf sein Handy. "Entschuldigung, sagt Ihnen der Name Gabriele Tergit etwas?" Er schaut auf. Legt den Kopf schief. "Das war eine sehr bekannte Gerichtsreporterin in den zwanziger und dreißiger Jahren." Kopfschütteln. "Tergit? Nie jehört. Kenn ick nich."

In ihrem Roman Käsebier schreibt Gabriele Tergit einen weisen Satz: "Weißt du, es ist so: Ein paar haben einen großen Namen. Kein Mensch merkt, dass sie nichts können. Ein paar können sehr viel, aber bis es sich herumgesprochen hat, können sie auch nichts mehr."

Korrekturhinweis: Im Vergleich zur ursprünglich im Print erschienenen Version haben wir online an drei Stellen Details hinzugefügt. Die Redaktion