DIE ZEIT: Es gibt Streit um das Gedenken an Ihre Cousine Anne Frank, das bekannteste jüdische Mädchen der Welt. Sie protestieren dagegen, dass das ZDF einen Film über sie drehen will. Warum?

Buddy Elias: Es geht darum, dass das ZDF Rechteinhaber und Familie nicht konsultiert und einfach ein Projekt ankündigt. Annes Vater Otto Frank hat den Anne Frank Fonds 1963 gegründet und als Universalerben eingesetzt. Er repräsentiert Werk- und Persönlichkeitsrechte und wird öffentlich keine Rechtsdebatte führen. Es geht zuerst um Integrität.

ZEIT: Das ZDF weist die Vorwürfe der Unrechtmäßigkeit zurück, es plane einen Film, der ohne Annes Tagebuch auskomme. Würden Sie im Zweifelsfall rechtliche Schritte ergreifen?

Elias: Die behalten wir uns vor, um die Authentizität von Annes Werk zu schützen. Das Hauptwerk ist das Tagebuch. Ohne Originalquelle kann kein angemessener Film entstehen. Es ist das Hauptzeugnis für die Geschichte der Familie. Uns liegt bis heute keine Anfrage des ZDF um Rechte vor. Die sind seit 2012 vergeben: Wir haben die Rechte für einen deutschsprachigen Kinofilm frühzeitig an die Produktionsgesellschaft AVE mit dem Drehbuch von Fred Breinersdorfer gegeben. Er kommt 2015 in die Kinos.

ZEIT: Warum kann es nicht noch einen Film geben? Anne Frank gehört als Person der Zeitgeschichte allen.

Elias: Anne gehört niemandem. Ihr Vater hat die Geschichte zugänglich gemacht, das bedeutet nicht, dass jeder mit Anne Frank tun kann, was er für gut befindet. Wir wehren uns dagegen, Anne als Produkt zu vermarkten.

ZEIT: Rechte zu vergeben heißt auch, Einnahmequellen zu sichern. Geht es um Recht, Moral – oder um Geld?

Elias: Otto Frank hat verfügt, dass Einnahmen aus dem Tagebuch an die Zivilgesellschaft gehen. Deshalb hat er den Fonds gegründet, mit dem festgelegten Auftrag, Annes Ideale in der Welt zu verbreiten, Kinder in Not zu stärken und Friedensprojekte zu fördern. Der Fonds spendet das Geld, das er einnimmt. Niemand aus der Familie oder im Stiftungsrat ist an Einnahmen beteiligt oder verdient damit Geld.

ZEIT: Wie lässt sich ein unwürdiger Streit auf dem Rücken von Anne Frank vermeiden?

Elias: Die Angelegenheit ist erledigt, wenn sich das ZDF und der Produzent Oliver Berben von diesem Projekt zurückziehen.

ZEIT: Sie sind Annes Vetter und der Präsident des Fonds in einer Person. Sprechen der Fonds und die Familie mit einer Stimme?

Elias: Ja, seit seiner Gründung.

ZEIT: Die Rechte am Tagebuch werden 2016 in manchen Ländern frei. Wollen Sie jetzt eine Form des Gedenkens sichern, bevor Ihr Einfluss endet?

Elias: Nein. Es geht nicht um persönliche Einschätzungen und nicht um eine Ikone, zu der man der Fantasie freien Lauf lassen kann, sondern es geht um eine reale Biografie und historische Quellen. Ab 2016 entsteht kein rechtsfreier Raum. In Deutschland werden die Rechte am Tagebuch dann frei, ja, aber etwa die Persönlichkeitsrechte laufen nicht aus. In den USA bleiben die Rechte bis 2047 geschützt, damit sind Filmvermarktungen im großen Stil weiterhin kaum möglich.

ZEIT: Das Gedenken verändert sich unweigerlich mit der Zeit und denen, die sich erinnern.

Elias: Wir müssen darum kämpfen, dass das echte, authentische Geschehen in Erinnerung bleibt. Gerade weil man das Tagebuch immer wieder als Fälschung bezeichnet hat, ist es umso wichtiger, die Grenze zwischen Faktischem und Fiktion klar festzuhalten. Auch Annes Erfindungsgabe trägt zur Verletzlichkeit dieser Quelle bei. Aber dieses Tagebuch ist kein fiktionales Werk wie ein Roman. Es ist das reale Tagebuch eines Menschen, der aus Not große Vorstellungskraft entwickelt hat. Das ist ein entscheidender Unterschied. Auch dafür ist ein Gedenktag wie der 27. Januar so wichtig: Er fordert uns auf, uns der realen Geschichte zu stellen.