Die Deutschen haben heute bloß ein "Nahverhältnis" zur Geschichte, ein "Fernverhältnis" hingegen ist ihnen dadurch völlig abhandengekommen: Scharfsinnig hat der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer im Jahr 2001 mit der deutschen Erinnerungslosigkeit abgerechnet, die eine "zweite Haut des bundesrepublikanischen Bewusstseins" sei. Die ständig sich ausweitende Erinnerungskultur würde sich nämlich nur auf das 20. Jahrhundert und da vor allem auf den Nationalsozialismus konzentrieren. Und Bohrer wollte sich auch nicht vom florierenden Mittelalter-Ausstellungszirkus täuschen lassen: Dabei würde die Geschichte stets "auf das ewige Jetzt kulturellen Konsums" geschrumpft. Tatsächlich ist heute der Verlust der Fernerinnerung so weit fortgeschritten, dass selbst ein fundamentales, eigentlich erst gestern passiertes Ereignis wie der Erste Weltkrieg derzeit wie ein unbekannter Kontinent neu entdeckt wird.

Doch jetzt ist plötzlich wieder ein Werk aufgetaucht, das ein Fernverhältnis der Deutschen zur Geschichte neu beschwört – und zwar mit all seinen Fasern. Pünktlich zum 1200. Todestag Karls des Großen am 28. Januar hat der Mittelalterhistoriker Johannes Fried eine voluminöse Biografie des fränkischen Kaisers vorgelegt. Ohne Übertreibung darf man feststellen, dass dieses Buch zum Besten gehört, was die deutsche Geschichtswissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten hervorgebracht hat.

"Regen. Im Regen. Er stand im Regen, unten am Läuterungsberg." So hebt das Buch an – und auch wenn damit der Autor eine zehn Jahre nach Karls Tod entstandene kritische Vision über den Herrscher paraphrasiert, ist der Leser sogleich in einer Welt, in der die Natur das Leben der Menschen bestimmte. Und in der es um die Sünde geht: Karls Gemächt wird im Fortgang dieser Vision nämlich von einem Untier ständig abgenagt, um ständig nachzuwachsen. Immerhin ist die Kenntnis von fünf ehelichen Frauen und fünf nicht ehelichen Gefährtinnen überliefert. Auch das Kapitel über Karls nicht näher überlieferte Kindheit beginnt naturalistisch: "Pferdemist und Jauchegruben, Hühnerhöfe und Schweinezucht" – das ländliche Dasein der mittelalterlichen Menschen steigt uns sofort in die Nase. Fried, der bis zu seiner Emeritierung in Frankfurt lehrte, ist ein glänzender, vielfach preisgekrönter Stilist – und er weiß, dass sein Buch "kein Roman, dennoch eine Fiktion" ist. Die wenigen Quellen, die es über das 8. und 9. Jahrhundert gibt, zwingen einen Historiker mehr noch als sonst zur Imagination (ZEIT Nr. 2/14). Oft ist der 71-jährige Fried in seiner Karriere von nüchternen Zunftkollegen für seine provokative Lust an poetischer Formung seiner Stoffe attackiert worden. Er hat aber auch diesmal wieder alles an Überlieferungen und Forschung zusammengetragen, um sein Bild Karls wissenschaftlich völlig plausibel zu präsentieren.

Es ging langsam zu im Europa um 800. Die Heere brauchten ewig von einer umkämpftem Reichsgrenze zur anderen, was zur Folge hatte, dass der 748 geborene, mit wahrscheinlich 1,90 Meter Körperlänge tatsächlich große Karl bis ins hohe Alter eigentlich ständig unterwegs war; nur im Winter gab es in diversen Pfalzen etwas Ruhe. Drei Jahre dauerte es, bis er von seiner 797 zu Kalif Harun al-Raschid nach Bagdad geschickten Gesandtschaft Nachricht erhielt. Und Europa war kaum besiedelt: Nur etwa acht Millionen Menschen lebten im Frankenreich, das von Urwäldern überzogen war, bis allmählich die Rodungen einsetzten. Gewalt war Normalität: Krieg war die wichtigste Aufgabe eines frühmittelalterlichen Königs.

Entscheidend aber für die epochale Bedeutung Karls, dessen Herrschaftszeit 768 begann, war das intellektuelle Modernisierungsprogramm, das er seinen Franken allmählich verordnete. Überzeugend führt Fried es auf das Rom-Erlebnis Karls zurück, einen Höhepunkt dieses Werks: Ostern 774 ist der von Papst Hadrian als Schützer herbeigerufene König in Rom und bestaunt die Paläste und Kirchen – die Bebauung des päpstlichen Lateranshügels wird zum Vorbild für die Architektur seiner Pfalz in Aachen. "Sein Königtum, sein Reich, sollte sich diesem Rom angleichen."

Karl, der zwar nicht schreiben, dafür aber angeblich Latein wie seine Muttersprache konnte, förderte Intellektuelle: den buckligen Einhard zum Beispiel. Dieser verfasste zehn Jahre nach Karls Tod die Vita Karoli, die erste Lebensbeschreibung eines Herrschers seit der Antike, bis heute die wichtigste Quelle zu Karl. Eine Studie von Steffen Patzold, Ich und Karl, widmet sich nun erstmals umfassend der Rolle von Karls wichtigem Ratgeber. Der aus England stammende Alkuin übernahm die Hofschule in Aachen und disputierte mit Karl; der gelehrte Theodulf, Bischof von Orléans, mokierte sich eifersüchtig über die anderen Intellektuellen. Der Schlüssel zur Macht war der Glauben: Intensiv engagierte sich Karl mit seinen Ratgebern in theologischen Debatten, gegen Byzanz und die Ostkirche. Als Beschützer des Papstes hatte Karl sich zielstrebig, wie Fried betont, den Weg gebahnt zu jenem ersten Weihnachtstag des Jahres 800: In der Peterskirche zu Rom krönte ihn Papst Leo zum Kaiser.