Natürlich eckte sie auch in Goslar an, sie war ja immer zu laut, zu schrill. Musste ja ihre vierte Ehe noch in Weiß schließen, mit 56. Warf die Millionen zum Fenster hinaus, streckte die Hirsche mit sauberem Blattschuss nieder. Und dann diese Frauen-Bildungskurse, die sie sich in den Kopf gesetzt hatte!

Der Erste Weltkrieg hatte Europa in Trümmer gelegt, Frauen durften das erste Mal wählen, und Katharina von Oheimb, von allen nur Kathinka genannt, hielt die Männer für Versager. Sie forderte: "Es ist die Pflicht eines jeden weiblichen Wesens, durch ihr Auftreten in der Politik alle die Gründe zu widerlegen, mit denen man die Frauen bisher von der Politik ferngehalten hat!"

Es ist Mitte Dezember, und ich habe mich in den Regionalzug nach Goslar gesetzt, weil ich mehr über sie erfahren will: Kathinka, die bekannteste Politikerin der Weimarer Republik, geliebt und gehasst, bewundert und gefürchtet, belächelt und verachtet. Fünf Namen hat sie im Laufe ihres Lebens getragen, doch am Ende überstrahlte ihr Vorname sie alle: Kathinka, Chiffre für eine unangepasste Frau. Damals weit über die Reichsgrenzen hinaus berüchtigt, heute nahezu vergessen.

Drei Frauen in Allwetteranoraks führen durch die Goslarer Innenstadt und blasen schweigend Atemwölkchen in die Winterluft: Frau Harder von der Stadtveraltung, Frau Klinge, eine Rentnerin, und die Englischlehrerin Frau Kurkofka. Plopp machen ihre flachen Schuhe auf dem Asphalt, vor einem baufälligen Jugendstilgebäude bleiben die Frauen stehen. "Hier", sagt Frau Kurkofka, "hielt Kathinka ihre berühmten Frauen-Bildungskurse ab."

Bis 1908 durften "Frauenpersonen, Geisteskranke und Lehrlinge" nicht einmal politischen Vereinen beitreten, jetzt plötzlich durften Frauen wählen und für politische Ämter kandidieren. "Kathinka wollte sie dafür rüsten", referiert Frau Kurkofka. Die prominentesten Redner folgten ihrem Ruf: Gustav Stresemann sprach über "sozialpolitische Gegenwartsfragen", Clara Mende über "Gedanken und Ziele der Frauenbewegung", Historiker erklärten die "Geschichte der Parteien". Die Teilnehmerinnen kamen aus allen Schichten, auf Kathinkas Kosten wohnten sie im Hotel. "Einige von ihnen wurden später Landtagsabgeordnete", erklärt Frau Harder stolz.

Regelmäßig absolvieren die Damen der Goslarer Frauen-AG ihren historischen Rundgang auf Kathinkas Spuren. "Sie war eine herausragende Persönlichkeit ihrer Zeit", sagen sie, doch nicht einmal das Stadtmuseum habe eine Ecke für sie freigeräumt. Kein Denkmal erinnert an sie, kein Platz ist nach ihr benannt. Frau Harder holt Luft. "Wäre sie ein Mann gewesen – eine Straße wäre das Mindeste!"