Wie ein fremder, bunter Vogel saß sie im Parlament unter all den Männern

Als Kathinka die Kurse organisierte, 1922, war sie auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Als eine der ersten weiblichen Abgeordneten hatte sie im Berliner Reichstag Platz genommen. In ihrem Salon am Kurfürstendamm verkehrten die Wichtigen der jungen Republik: Bankiers und Industrielle, Minister, Militärs und Künstler. Mitte der Zwanziger, da war sie 45, nannten Zeitungen sie "die ungekrönte Königin Deutschlands".

Wie ein fremder, bunter Vogel saß sie im Parlament, unter all den Männern und alleinstehenden Kämpferinnen der Frauenbewegung: als mehrfache Mutter ohne akademischen Abschluss, einmal geschieden, einmal verwitwet – die lebenslustige Erbin eines Vermögens von 42 Millionen Reichsmark.

Woche für Woche füllte sie die Gazetten: "Frau von Oheimb im roten Sammet", "Frau von Oheimb im grünen Foulard", dann wieder in Jägermontur mit erlegtem Hirsch und nebst neuem Gatten auf dem Rennplatz in Baden-Baden. Eine britische Zeitung kürte sie zur "bestangezogenen Frau Deutschlands". Das Württembergische Blatt schwärmte, sie habe "hinreißendes Temperament, Klugheit und jenes unerklärliche Etwas, das der Franzose mit Charme bezeichnet".

Kathinka leistete sich eine Freiheit, die auch heute nur selten geduldet wird. Sie war ein wandelnder Widerspruch: konservativ und feministisch, Politikerin und Mutter, selbstbestimmt und dennoch traditionell weiblich. Eine Audienz beim Papst, Jagen mit Generalstabschef Moltke, Pariser Modellkleider – sie nahm sich, was sie wollte. Sie war "beängstigend impulsiv", schrieb der Tagesspiegel nach ihrem Tod 1962, "fast unerschöpflich aktiv und von frühester Kindheit an gewohnt, alles zu tun, was ihr in den Kopf kam". Sie gebar sechs Kinder und verschliss vier Ehemänner, verwaltete drei Fabriken, leitete einen vierzehnköpfigen Haushalt und war Jagdherrin über 7500 Hektar Forst. Sie setzte sich für die Gleichberechtigung ein, für uneheliche Kinder, später für verfolgte Juden. Woher, frage ich mich, nahm Kathinka ihre Unabhängigkeit?

Wir Frauen heute grübeln über die richtige Männer- und Wohnortwahl, wir grübeln über den richtigen Zeitpunkt zum Kinderkriegen, wägen tausend Optionen, und weil wir keine verlieren wollen, zögern wir Entscheidungen hinaus. Wir denken in Möglichkeiten, statt sie zu ergreifen, und während wir "vielleicht später" sagen, werden wir plötzlich 40. Was wir von Kathinka lernen können: einfach zu machen. Egal, was die anderen denken. 1879 geboren, wächst Kathinka bei ihrer früh verwitweten Mutter auf. Privatunterricht, katholisches Mädchenpensionat in Lyon, Bildungsreisen durch Italien und Frankreich. Ihre Mutter führt ein gut gehendes Stoffgeschäft in Neuss am Rhein – und ist für Kathinka "die wunderbarste Frau, die mir im Leben begegnet ist".

Mit 19 heiratet sie einen wohlhabenden Ingenieur und bekommt vier Kinder, sieben Jahre später lässt sie sich scheiden, weil sie sich in einen anderen verliebt hat. Was nun geschieht, beschreibt sie in ihren Memoiren als prägendste Zeit ihres Lebens: Ein Gericht entzieht ihr die Kinder, ihre Familie verstößt sie, und Kathinka schlägt sich in Holland als Verkäuferin durch. Zum ersten Mal im Leben reist sie im Zug dritter Klasse. Zum ersten Mal ist sie auf sich allein gestellt. "Ich lebte plötzlich in einer anderen Welt", schreibt sie, doch zum Verlust gesellte sich auch ein neues Gefühl: "zum ersten Mal frei, ganz frei zu sein". Sie habe eine Weltanschauung gewonnen, in dem Moment, als sie "mit der Welt in Berührung kam". Sie macht die "brutalen Männergesetze" dafür verantwortlich, dass sie ihre Kinder nur sechs Mal im Jahr sehen darf, für vier Stunden, wie es die Anwälte verhandelt haben.

Als sie jetzt jenen jüngeren Firmenerben heiratet, in den sie sich verliebt hat, schwört sie sich, ihren neuen Wohlstand zu nutzen. Sie kümmert sich um Waisenkinder, lernt, dass es "Engelmacherinnen" gibt, und übernimmt Vormundschaften für uneheliche Kinder. Jedes Mal ärgert sie sich, dass sie dafür die Unterschrift ihres Mannes benötigt. Sie freundet sich mit Frauenrechtlerinnen wie Minna Cauer an. Mit der Sexualaufklärerin Helene Stöcker gründet sie den Bund für Mutterschutz.

Die elektrische Glühbirne wurde erfunden, das Automobil verdrängte die Kutschen, und Kathinka avancierte zum festen Mitglied der besseren Gesellschaft. Als ihr Mann beim Bergsteigen ums Leben kommt, übernimmt sie die Leitung seiner keramischen Werke und öffnet erstmals die Türen ihres Salons. Jahre später, inzwischen hat sie den Rittmeister von Oheimb geheiratet, politisiert das Blutbad des Ersten Weltkriegs sie endgültig.

Kathinka organisiert gerade ihre ersten Frauenkurse in Goslar, als Gustav Stresemann sie 1919 bittet, für seine DVP-Fraktion im Reichstag zu kandidieren. Was für eine Frage! 1920 ist sie eine von 37 Frauen, die erstmals ins Parlament einziehen, darunter auch Clara Zetkin und Marie-Elisabeth Lüders. Es ist eine Zeit, in der Frauen weder Schöffen noch Geschworene werden dürfen. Frauen, die heiraten und damit einen Versorger haben, werden fristlos entlassen. Und noch immer wird Frauen die Mitarbeit in Gemeinderäten verwehrt – angeblich, weil sie dort "Unruhe" stifteten. Die Neu-Politikerin Kathinka schäumt: "Weit mehr als die Hälfte aller Wähler sind Frauen! Und sie wählen fast zu hundert Prozent Männer, die teils mit, teils ohne Bewusstsein gegen die Interessen der Frauen Gesetze machen." Sie fordert, "dass die Frauen bei gleicher Leistung dasselbe verdienen wie die Männer".

Es ist schon Nachmittag, als der Goslarer Frauentrupp vor einer herrschaftlichen Villa oberhalb der Stadt stoppt. "Sehen Sie die Pracht?", fragt Frau Klinge. "Acht Eigentumswohnungen, damals bewohnte Kathinka alle 32 Zimmer. Die wichtigsten Politiker Deutschlands verkehrten hier."

Heute, sagt Frau Klinge, "würde man Kathinka als Netzwerkerin bezeichnen".

Kathinka war nicht im klassischen Sinne schön, aber sie wusste ihre Vorzüge einzusetzen: Sie war intelligent und humorvoll, willensstark und niemals konventionell. Schon bald korrespondierte sie mit Friedrich Ebert, Gustav Stresemann und Paul Löbe. Regelmäßig schrieb sie den Leitartikel in der viel gelesenen Magdeburgischen Zeitung. Als einzige Frau wurde sie zu den politischen Diners von Außenminister Walther Rathenau eingeladen.

Im Reichstag ist sie berüchtigt für ihre Schlagfertigkeit. Als ein sozialdemokratischer Veteran sie einmal gönnerhaft mit "mein liebes Kind" anspricht, fährt sie ihm dazwischen: "Was berechtigt Sie alten Esel, mich liebes Kind zu nennen?" Einmal schnappt ein Parlamentarier: "Wir halten nichts von der Unterrocks-Politik der Baronin Oheimb." Da steht sie auf und erwidert: "Ich bin eine moderne Frau. Ich trage keine Unterröcke, ich trage Schlüpfer!"

1923 stimmt sie als Einzige ihrer Fraktion dafür, dass der nationalsozialistische Putschist Ludendorff strafrechtlich verfolgt werden soll. Als eine von ganz wenigen stimmt sie für die Annahme des Londoner Ultimatums, das die sofortige Entwaffnung der Deutschen vorsieht. Sie fordert ihre Landsleute auf, für ihre Fehler geradezustehen. Es sei die Zeit für "nüchterne, praktische, ehrliche Politik".

Kathinka erkannte als eine der Ersten den heraufziehenden "Götzenkult für Opportunisten", warnte vor linken und rechten Eiferern. Als gefragte Rednerin jagte sie jetzt quer durch die Republik, absolvierte nebenbei das Luftschiff-Examen. Und während sie Afrika erkundete, China und Indien, ließ sie ihre Kinder vom Personal betreuen.