Sie war egoistisch, fast schon dreist. Marquise von O. nennt ihre Freundin Marie-Elisabeth Lüders sie – weil Kathinka sich nicht einmal bemüht, ihre Affären zu tarnen. Als "Kathinkus den Vierten" verspottet Joseph Goebbels später ihren vierten Ehemann, den stellvertretenden Reichstagspräsidenten. Und Kurt Tucholsky widmet ihr in einem Gedicht vollste Verachtung: "Ne gute Stube ist noch kein Salon. Du weißt von Politik auch nicht die Bohne."

Es war der alte Männertrick: der Frau onkelhaft den rechten Platz zuzuweisen. An Kathinka prallte er ab. "Mich haben zeitlebens Lob und Tadel der Männer wenig angefochten", notiert sie in ihren Memoiren. Ihre Eitelkeit wird nur von ihrem unerschütterlichen Selbstbewusstsein übertroffen. "Ist nicht auch falsche Bescheidenheit Heuchelei?", fragt sie gerissen. Während es die Reichsmark in Richtung Abgrund zieht, schmeißt sie rauschende Feste, zu denen sie auch ihr Personal einlädt. Freunde und Angestellte bewundern sie. Ihre Kinder beginnen sie zu hassen.

Liest man die Erinnerungen ihrer Tochter Elisabeth Furtwängler, Großmutter der Schauspielerin Maria Furtwängler, dann fällt ein trotziger Satz besonders häufig: "Wie meine Mutter wollte ich nie werden!"

Ihre Mutter habe das Geld verprasst. Ihr habe jede Scham gefehlt. Sie habe alle ihre Männer unglücklich gemacht. Immer wieder schärfte Kathinka ihren Töchtern ein: Macht einen Führerschein, ehe ihr heiratet. Elisabeth aber, so erinnert diese sich fast triumphierend, heiratete mit 18, erlernte keinen Beruf und war eine "entzückende Mutter und Ehefrau".

"Ich bin schlecht und du bist gut", sagt sie ihrer Tochter unter Tränen

Wahrscheinlich war Kathinka als Mutter suboptimal, sehr wahrscheinlich sogar grauenhaft. Doch wir verdanken ihr eine Wahrheit, die heute noch gilt: Wir können nicht alles haben. Und in allem perfekt sein. Seltsamerweise ist es ja so, dass das von einem Mann auch niemand erwarten würde. Oder war Nelson Mandela im Gefängnis für seine Kinder da? Hatte Helmut Kohl für die Nöte seiner Familie ein Ohr? War Willy Brandt ein treu sorgender Ehemann?

Kathinkas Wahrheit ist unangenehm, aber hochaktuell: Es gibt keine außergewöhnlichen Karrieren, die keine Opfer kosten.

An einem Tag im Dezember öffnet sich die Tür zu einer Villa an der Hamburger Elbchaussee. Das diskrete Geld wohnt hier, nicht das laute. Ein sorgfältig gescheitelter Herr bittet hinein, Jackett mit Einstecktuch, darunter eine Cordhose: Christoph Ackermann, 78 Jahre alt, Kathinkas Enkel.

Er nennt seine Großmutter nur Kathinka, nie Oma. Elisabeth Furtwängler ist seine Mutter, Maria Furtwängler seine Nichte.

"Wenn sie so wollen", sagt er, "hatten wir zerrüttete Verhältnisse. Kaum jemand hat noch mit ihr geredet." Über Jahre stritt seine Mutter mit ihrer Mutter um ihr Erbe – Millionen, die Elisabeth zustanden und die Kathinka durchgebracht hatte.

"Ich bin schlecht, du bist gut", habe Kathinka ihrer Tochter eines Tages unter Tränen gestanden. Der Enkel blickt hinaus in den Garten. Früher war er Geschäftsführer in namhaften Firmen. Als er in Rente ging, hat er die Familiengeschichte aufgeschrieben.

Er hatte gerade seine erste Anstellung gefunden, Ende der 1950er Jahre, als die Neugier ihn doch noch zu ihr trieb. "Kathinka war alt", sagt er, "sie wollte nur noch Frieden."

Sie tischte nur das Beste auf und hatte immer noch ihren rheinischen Humor. Behauptete steif und fest, sie sei blind, sah aber fern. Zum Abschied signierte sie ihm eines ihrer Bücher, "Deine arme blinde Großmutter", schrieb sie mit Schwung aufs Papier. Bis zu ihrem Tod besuchte er sie jetzt einmal im Monat.

"Kathinka hungerte stets nach Bedeutung. Wenn mich eines an ihr bis heute beeindruckt", sagt der Enkel – und es klingt beinahe entschuldigend –, "dann dieses: dass sie kein Nazi wurde. Dass sie der Versuchung widerstand."

1925 trat Kathinka aus ihrer Partei aus. Sie kandidierte nicht mehr für den Reichstag und widmete sich ganz dem Publizieren. "Nicht der Parlamentarismus hat abgewirtschaftet", schrieb sie, "sondern die einzelnen Männer, die den Parlamentarismus missbrauchen." Nach den Wahlen von 1930 fragte sie angesichts von 107 nationalsozialistischen Abgeordneten in einem Leitartikel: "Warum ist das Bürgertum so schlapp, so fantasielos, dass unsere Männer es nicht fertigbringen, eine gemeinsame bürgerliche staatserhaltende Front dieser wilden Agitationspartei entgegenzuhalten?"

Zwei Jahre später warnte sie ihre Geschlechtsgenossinnen in einem Aufruf: "Unter Hitlers Führung werdet ihr in eure unsagbar hilflose und unbedeutende Stellung von früher zurücksinken. Diese Männer wollen euch nicht als Kameradinnen, sondern als Dienerinnen."

1937, da hatte sie längst Schreibverbot, gab sie in Berlin einen letzten großen Empfang. Auch den russischen Botschafter lud sie ein, zahlreiche prominente Juden. Mendelssohn, Dreyfus, Schwabach, Arnhold. Jedem Träger des Davidsterns reichte sie demonstrativ die Hand.

Es ist fast dunkel geworden in Goslar. Mehr als drei Stunden lang sind Frau Kurkofka, Frau Klinge und Frau Harder durch den kalten Winter gezogen. "Kathinka hat sich was herausgenommen", sagen die Frauen. Für ihre Kinder war das schwer erträglich. Für die Gleichberechtigung war es wichtiger als jede theoretische Debatte.

Die Frauen in Goslar treffen sich jetzt regelmäßig zum politischen Stammtisch. "Wie Kathinka", sagen sie und lächeln.