Wie kann jemand so gute Romane schreiben und doch so gründlich vergessen werden? Das habe ich vor 25 Jahren gefragt, als gerade ein paar Bücher des 1946 verstorbenen Ludwig Winder neu aufgelegt wurden. Seither sind sie, wiewohl damals vom Feuilleton gerühmt und in ihrem Rang den Romanen Joseph Roths zur Seite gestellt, zum zweiten Mal vergessen worden. Wenn jetzt mit Der Thronfolger einer der besten historischen Romane der deutschsprachigen Literatur wieder veröffentlicht wird, dann muss der Edition ein profundes Nachwort von Ulrich Weinzierl hinzugefügt werden, um den Autor neuerlich vorzustellen. Denn bis heute ist es nicht und nicht gelungen, diesem grandiosen Romancier einen Platz im literarischen Gedächtnis, im Kanon der Literatur zu sichern.

Ludwig Winder wurde 1889 zwischen Wein und Gurken geboren, wie er einmal schrieb, liegt seine Geburtsstadt, das mährische Provinznest Schaffa, doch "genau in der Mitte zwischen der Weinmetropole Retz und der Gurkenstadt Znaim"; also in einem Gebiet, das über Jahrhunderte eine Einheit bildete, im Kalten Krieg diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs verödete und nur langsam wieder im alltäglichen Austausch über die offenen Grenzen zu einem gemeinsamen Leben zurückfindet. Nach dem Tod Franz Kafkas als dessen Nachfolger in den Prager Kreis um Max Brod berufen, hat Winder gescheit, beharrlich und kenntnisreich wie kaum ein anderer vom konfliktträchtigen Zusammenleben der Völker in der Mitte Europas berichtet. Dem kulturellen Kahlschlag durch den Nationalsozialismus ist mit dem schönen Mischwald der böhmischen Kultur auch sein literarisches Werk zum Opfer gefallen, das auf altösterreichischem, deutschem, tschechischem und jüdischem Humus gewachsen war. Mit jener böhmischen Kultur der nationalen, religiösen, sprachlichen Vielfalt, für die er einstand und deren literarischer Chronist er war, ist auch das Werk von Ludwig Winder untergegangen.

Drei zentralen Momenten des keineswegs melancholisch versunkenen, des vielmehr ausgelöschten Mitteleuropas hat sich Ludwig Winder immer neu gestellt, um sich seines Ortes in der Welt zu versichern und um seinen Weg in ihr zu finden: dem Judentum, dem er, der Enkel eines weitum berühmten Talmudgelehrten, über viele Konflikte hin verbunden blieb; der Dialektik von Herr und Knecht, von Führer und Gefolgsmann, der er in verschiedenen politischen Systemen und wechselnden sozialen Bezügen nachspürte; und der Freiheit des Einzelnen, der in unfreien Verhältnissen gefangen ist und doch die Wahl hat, sich gegen das Schlechte und für das Bessere zu entscheiden.

Sein Verhältnis zum Judentum hat er mit selbstverletzender Energie in seinem 1922 erschienen Roman Die Jüdische Orgel abgehandelt, einer radikalen Auseinandersetzung mit dem alten Ghettojudentum, der starren religiösen Orthodoxie. Nirgendwo sonst, muss ich anfügen, waren Judentum und deutsche Kultur so unauflöslich ineinander verflochten wie gerade in Prag, wo Winder als Theaterkritiker der deutschen Zeitung Bohemia wirkte. Das bedeutete auch, dass Antisemitismus in Böhmen traditionell nur bei Strafe, damit das deutsche Element im Lande zu schwächen, gepflegt werden konnte. In nie erahnter Folgerichtigkeit haben die Nationalsozialisten mit der Vernichtung des böhmischen Judentums daher auch das Ende der jahrhundertealten deutschen Geschichte in Böhmen in die Wege geleitet.

Die Dialektik von Herr und Knecht und die Freiheit des Einzelnen bestimmen zwei späte Romane Winders, die er im englischen Exil schrieb, in das er sich 1938, als die Nationalsozialisten Böhmen und Mähren zum Protektorat erniedrigten, ums Leben flüchten musste. Der Kammerdiener ist eine abgründige Studie über den sozialen Charakter des ewigen Lakaien, der zu jeder Schandtat bereit ist, wenn er nur einen Herrn findet, der ihm dazu den Auftrag erteilt. Winder schrieb den Roman, als die nationalsozialistischen Okkupanten in seiner Heimat gerade großen Bedarf am Typus des gewissenlosen Handlangers hatten. Die Pflicht hingegen, einer der großen europäischen Romane des Widerstands, zeigt einen subalternen Beamten, der im besetzten Prag fast widerstrebend erkennt, dass er der neuen Staatsmacht nicht dienen, sondern das, was er für seine Pflicht als Beamter gehalten hat, neu begründen und sich dem Widerstand verbinden muss.

Ludwig Winder hat eine Anzahl bedeutender Romane verfasst, und die besten von ihnen fielen schon bei ihrer Erstveröffentlichung gewissermaßen ins Leere. Ein Romancier aus der besetzten Tschechoslowakei in England, der noch dazu auf Deutsch schrieb – die Bücher dieses Autors konnten nur die versprengte Gemeinde von Exilanten erreichen. Und 1945, als die Tschechoslowakei endlich frei war, hatten dort Leute das Sagen, die sich als Internationalisten bezeichneten, aber auf einen ordinären Nationalismus setzten. Für die antifaschistischen Deutschen, die im Untergrund oder im Exil gegen den Faschismus gewirkt hatten, gab es in dieser neuen Tschechoslowakei keine Zukunft. Sie wurden gleich den Kollaborateuren vertrieben oder aufgefordert zu bleiben, wohin die Nationalsozialisten sie einst verjagt hatten. Keiner der großen deutschsprachigen Autoren, die sich seit ihrer Jugend für eine sozialistische Tschechoslowakei eingesetzt hatten, starb in seiner Heimat, alle gingen, noch verhältnismäßig jung an Jahren, im Exil zugrunde, Ludwig Winder und Ernst Sommer in Großbritannien, Louis Fürnberg und F. C. Weiskopf in Ostberlin.