Wir blättern durch den mit bemerkenswert kleiner, aber sehr akkurater Sütterlinschrift abgefassten Band. Warum liegt er heute, im Jahr 2014, auf diesem Heidelberger Esstisch? Die Geschichte des Heftes reicht weit zurück, ist verzweigt und dramatisch. Der Vater von Silvio Vietta, der Autor und Essayist Egon Vietta, Jahrgang 1903, hat den Philosophen Martin Heidegger früh für sich entdeckt und über ihn bereits in der Weimarer Republik publiziert. 1931 beginnt der noch unveröffentlichte Briefwechsel der beiden. "Für meinen Vater wurde er zu einem geistigen Mentor", erzählt sein Sohn Silvio. Die NS-Zeit übersteht Egon Vietta, der 1937 aus beruflichen Zwängen der NSDAP beitritt, nur knapp. Er findet im "Dritten Reich" eine Nische als Chefredakteur der weitgehend unideologischen Kulturzeitschrift Italien, heiratet 1941 Dorothea "Dory" Feldhaus, die in Rom Jura studiert und für Fiat als Anwältin gearbeitet hatte. Vietta schließt sich später Hamburger Widerstandskreisen an. Bevor aber die ermittelnde Gestapo zuschlagen kann, setzt er sich 1944 nach Italien ab, flieht über die Frontlinien und lässt sich von den Alliierten gefangen nehmen.

Nach dem Krieg wird Egon Vietta zu einem bekannten Kulturpublizisten der frühen Bundesrepublik – und das Ehepaar Vietta lernt das ältere Ehepaar Heidegger nun auch persönlich kennen. "Seit wir in Darmstadt lebten, war Heidegger in unserem Haus präsent, mein Vater lud ihn oft ein", erinnert sich der Sohn. "Auf einem Spaziergang erklärte er mir zwölfjährigem Jungen anhand eines Busches, was Naturwissenschaften tun: Weißt du, dieses Grün ist für die Naturwissenschaftler eigentlich gar kein Grün, sondern Schwingungen, Wellen."

Martin Heidegger um 1960

Schwingungen ganz anderer Art entfalten sich im Hause Vietta recht bald. Während der Besuche Heideggers in Darmstadt liest man gemeinsam Platon – und der Philosoph beginnt eine Affäre mit der 24 Jahre jüngeren, gebildeten und ausnehmend schönen Dory, der Mutter von Silvio. Heidegger reist mit ihr nach Aix-en-Provence, wo er im Jahr zuvor mit seiner Frau Elfride weilte, und feiert dort seinen 68. Geburtstag. "Für meinen Vater", erzählt Silvio Vietta, "war all das natürlich eine Tragödie – seit Jahrzehnten empfand er sich schließlich auch als Sprachrohr Heideggers, fühlte sich ihm sehr nahe. Über Nacht ist meine Mutter dann eines Tages ausgezogen." 1958 lassen sich die Viettas scheiden. Martin Heidegger hatte ihre Ehe zerstört.

Die zahlreichen Affären des Philosophen, von denen man zumeist nur die mit Hannah Arendt kennt, lassen sich aus den Briefen Martin Heideggers an seine Frau Elfride, die vor wenigen Jahren erschienen, gut rekonstruieren. Schwierige emotionale Verwicklungen spiegeln sich darin, seine Verhältnisse mit Elisabeth Blochmann, der Prinzessin Margot von Sachsen-Meiningen, allein in den fünfziger Jahren unter anderen mit Sophie Dorothee von Podewils, Andrea von Harbou, Marielene Putscher. Als der 81-jährige einen Schlaganfall erleidet, ist er unterwegs zu einem Rendezvous. Elfride litt schwer unter den Affären ihres Mannes. Ihre Briefe sind nicht erhalten, bis auf einen erschütternden Entwurf von 1956, in dem es heißt: "Hast Du einmal darüber nachgedacht, was leere Worte sind – hohle Worte?" Auf einen Liebesbrief an sie von 1918, von ihm mit "Im Du zu Gott" überschrieben, notiert sie später: "Modell für all seine Liebesbriefe an die vielen ›Geliebten‹".

Allzu Menschliches und Erhabenes liegen manchmal nicht weit voneinander entfernt. Für Heidegger gibt es womöglich eine abgründige Rechtfertigung für sein umtriebiges Liebesleben: "Ja – als Du mir von Hermann sagtest ...", schreibt er einmal an seine Frau. Es handelt sich um eine Anspielung darauf, dass der leibliche Vater des heute 93-jährigen Hermann Heidegger in Wahrheit ein Jugendfreund Elfrides ist. Martin Heidegger akzeptiert 1919, damals seit zwei Jahren mit Elfride verheiratet, den unehelichen Sohn und übernimmt umstandslos die Vaterrolle. Hermann erfährt von seiner Herkunft bereits mit 14 Jahren von der Mutter und schweigt bis 2005. Das Paar ist offenbar freigeistiger, als man ihm landläufig zutrauen würde – bei Elfride, die Nationalökonomie studierte und die Martin in einem seiner Seminare kennenlernte, gehen nationalistische und antisemitische Positionen Hand in Hand mit jugendbewegt-antibürgerlichen Haltungen. Martin und Elfride werden zeitlebens beieinander bleiben. Sie zahlt dafür einen hohen Preis.

Heideggers Geliebte Dory Vietta übernahm indes eine weitere Rolle für den Philosophen. "Meine Mutter", sagt Silvio Vietta, "konnte Heideggers Handschrift mit am besten lesen und hat viele seiner Manuskripte abgetippt, die er ihr dann als Geschenk überlassen hat." Er schenkte ihr auch jenes unveröffentlichte Schwarze Heft, das in Heidelberg vor uns liegt und das Silvio Vietta später zugefallen war. Es ist der Schlussstein des letzten großen Werkes von Heidegger, das Geschenk einer Leidenschaft, es füllt die Lücke des Verdichteten.

Heidegger bezieht sich in diesem Heft unter anderem auf seine Rektoratszeit an der Freiburger Universität in den Jahren 1933 und 1934. Er trat als nationalsozialistischer Revolutionär an, der die "Umwälzung des ganzen menschlichen Seins" ersehnt hatte. In seiner berüchtigten Rektoratsrede beschwor das NSDAP-Mitglied bekanntlich die "Macht des Anfangs unseres geistig-geschichtlichen Daseins". Und dieser Anfang sei "der Aufbruch der griechischen Philosophie". Die "christlich-theologische Weltdeutung" wie das "mathematisch-technische Denken der Neuzeit" hätten an der griechischen Philosophie Verrat geübt, sich von ihrem Anfang entfernt. In der Volksgemeinschaft stehe der griechische Anfang aber wieder vor einem. Alles Große stehe im Sturm und so weiter. Der Philosoph Karl Löwith merkte später an, man habe nach dem Vortrag nicht recht gewusst, ob man nun die Vorsokratiker studieren oder in die SA eintreten solle. In jedem Fall war klar: Die Anfänge der griechischen Philosophie sollten mit der nationalsozialistischen Revolution, wie auch immer genau, gleichgeschaltet werden.