In den Anmerkungen I der Schwarzen Hefte, etwa zwölf Jahre nach der Rektoratsrede abgefasst, heißt es nun, dass eine Reform der Universität "vom anfänglichen Denken des Griechentums her ein Widersinn u. ein tiefer Irrtum" sei. Es habe Zeiten gegeben ("wechselnd auf dem langen Weg"), schreibt Heidegger, an denen er geglaubt habe, "die Universität möchte eines Tages im Universum ruhen". Was aber, fragt er sich, sei weniger universal "als diese wurzellose Ein-Richtung, die sich jetzt dafür in Betrieb" setze? Wenige Seiten später reflektiert er den Entzug seiner Lehrtätigkeit, die ihn tief empört.

Heidegger distanziert sich in diesem Schwarzen Heft ohne Zweifel von seiner nationalsozialistischen Rede von 1933, worauf auch Silvio Vietta zu Recht hinweist (siehe das untenstehende Interview). Griechenland als Referenzpunkt tauge nicht mehr, man müsse die "Ruhe der Wahrheit" ganz neu suchen, vermutlich in der Poesie. Aber Heidegger vollzieht die Distanzierung vom Nationalsozialismus letztlich auf jene eigentümliche Weise, die sich mit den bisherigen Kenntnissen zu seinem Gesinnungswandel deckt. 1934 tritt er als Rektor zurück und ist vom NS-Staat wenige Jahre darauf tatsächlich enttäuscht. Aber nicht, weil er ethische Kriterien ansetzt, nicht, weil ihn die unmittelbar wahrnehmbare Barbarei stört, sondern weil der Nationalsozialismus sich ihm bedauerlicherweise nicht als Überwinder der Moderne und der Technik entpuppt hat, sondern im Gegenteil: als eine weitere Ausformung der cartesianisch geprägten Neuzeit, die die Welt noch immer beherrscht. Der NS-Staat ist Heidegger zufolge nun, wie Demokratien auch, geprägt vom "mathematisch-technischen Denken", das es zu überwinden gilt. Oder, wie es in seinem Bremer Vortrag von 1949 heißt: Ackerbau sei "jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, das Selbe wie die Blockade und Aushungerung von Ländern, das Selbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben".

Das Jahr 1945 stellt somit keine tief greifende Zäsur für Heidegger dar. Sein Lehrverbot kann daher auch nur eine Frage des Geschmacks sein und nicht eine Frage der politischen Moral, denn Demokratie und Faschismus sind Teil ein und derselben Seinsvergessenheit, für die er an früherer Stelle der Schwarzen Hefte besonders die Juden verantwortlich macht. Die moderne Welt als solche erstrahlt, wie Heidegger einmal notierte, in "unwißbarer Verblendung". Oder, wie es in den Anmerkungen I heißt, als "wurzellose Ein-Richtung". Lediglich die Vorzeichen haben sich für ihn ein wenig verschoben: Der demokratische "Amerikanismus", der bei Heidegger, so seine Terminologie 1938, für eine fatale ökonomische "Berechnung" aller Lebenszusammenhänge steht, hat über den Nationalsozialismus, der die "Züchtung aller Dinge" betrieb, gesiegt. Beide Modelle aber stehen im Verhängniszusammenhang einer verachtenswerten Moderne.

Die Liebesgeschichte zwischen Heidegger und Dory Vietta endet übrigens düster. Im Juni 1959 wird bei der 46-Jährigen ein Gehirntumor diagnostiziert. Elfride besucht sie, wofür ihr Martin dankt: "Mit V[ietta; gemeint ist Egon; Anm. d. Red.] werde ich auch noch ins Reine kommen. Aber dies braucht Zeit", schreibt er. Doch die bekommt er nicht. Nicht nur Dory stirbt innerhalb kürzester Zeit. Nur wenige Monate darauf, im November 1959, stirbt überraschend auch Egon Vietta. Der 18-jährige Silvio und seine elfjährige Schwester Yvonne sind allein.

Silvio Vietta scheint heute im Reinen mit den Verwerfungen seiner Jugend zu sein. "Sie haben sich meiner angenommen", berichtet er von seinem anschließenden Verhältnis zu den Heideggers. "Er hatte natürlich ein schlechtes Gewissen, denn er hatte eine Ehe gesprengt und einen Freund verloren." Wegen Heidegger studiert Silvio Vietta in Freiburg. Auch beim legendären Besuch Paul Celans in Heideggers Hütte in Todtnauberg 1967 ist er dabei. Alle zwei Wochen besucht er seinen "Ersatzvater", wie er ihn heute nennt: "Spätnachmittags haben wir Waldspaziergänge unternommen, Elfride hatte dann gekocht, und wir aßen zusammen, anschließend wurde noch etwas Musik gehört, Vivaldi hörte er gerne." Und wie wirkte er, damals bereits Mitte siebzig? "Ich saß oft in seinem dunklen Freiburger Holzzimmer bei ihm. Er schaute beim Reden gerne aus dem Fenster in die Ferne."

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