Verteidigung

Pro: Verteidigung schafft Respekt und stärkt bestehende Verträge

Seit "Handygate" wallt die deutsche Seele – getrieben von der uralten Hassliebe zu Amerika. Wie bitterlich enttäuscht wir doch sind von Obama, dem Anti-Bush, der die Übermacht Amerika zähmen, "europäisieren" sollte. Dann die narzisstische Kränkung in Gestalt der NSA. Seitdem geistern markige Sprüche durch die Gazetten, alle unter dem Motto: "Den Amis wollen wir’s jetzt zeigen."

Wie? Die tausend Stränge in Wirtschaft, Strategie und Kultur kappen? Schmissen wir zwei Dutzend US-Serien aus dem Programm, blieben nur noch Jauch und Dschungelcamp. Handelsmauern? Die deutsche Exportwirtschaft wäre nicht amüsiert. Dem BND die Anti-Terror-Kooperation verbieten? Auch nicht interessengemäß.

Wie wär’s dann mit heiligen Schwüren, dass wir einander nie wieder bespitzeln werden? Solche Abkommen wären das Papier nicht wert. Denn: Was im Dunkeln abläuft, läuft im Dunkeln ab. Das Prinzip aller Spionage ist die obsessive Geheimhaltung. Die kann auffliegen, erlaubt aber weder Transparenz noch Kontrolle – das ist ihr Wesen. Und jede Seite weiß das – oder sollte es beherzigen.

Lenin wird der Satz "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" zugeschrieben, obwohl ihn seine Schriften nicht hergeben. Treffender wäre: "Verteidigung ist besser". Und die hat nicht nur mit den USA, sondern auch mit den Freunden in England und Frankreich zu tun. Der britische Geheimdienst GCHQ hat einen hübschen Geschäftsvorteil, laufen doch sieben Kabel von der Insel über den Atlantik. Das französische DGSE kann nur zwei anzapfen, ist aber sehr fleißig. Allein innerhalb von zwei Monaten soll der Dienst 70 Millionen Telefongespräche registriert und mit der NSA geteilt haben. Chapeau!

Unsere nicht so guten Freunde – Russland und China – sind auch nicht faul. Russische Hacker haben 2007 Estland attackiert; der Präsident musste auf seinen AOL-Account ausweichen. China ist eine Hacker-Supermacht. Die NSA berichtete zum Jahresende von einem "verheerenden Angriff" aus China, der "die Fähigkeit, Computer zu zerstören", demonstrierte. Glücklicherweise habe die NSA die Attacke abgewehrt. Auch wenn diese Nachricht angesichts der Snowden-Enthüllungen zeitgerechter Hype wäre: Der Cyber-Krieg wird dank der rasenden Technik immer raffinierter. Siehe Gordon Moores Gesetz, wonach sich die Rechenkapazität alle 18 Monate verdoppelt, während die Kosten sich halbieren.

Für Deutschland folgt daraus zweierlei. Erstens: Berlin kann die Amerikaner in diesem Rennen nicht überholen. Das Jahresbudget der NSA wird auf elf Milliarden Dollar geschätzt; alle amerikanischen Geheimdienste zusammen kriegen um die 50 Milliarden – fast so viel wie die ganze Bundeswehr. Zweitens: Deutschland muss erwachsen werden und aufhören, die eigene Friedfertigkeit mit der realen Welt zu verwechseln. Auch in der digitalen Arena gelten die alten Regeln des Krieges: Offensive, um den Gegner abzuschrecken; Defensive, um ihn abzuwehren. Beides schafft Respekt und stärkt die Verlässlichkeit von Verträgen. Das Nationale Cyber-Abwehrzentrum in Deutschland ging 2011 ans Netz. Es hat gerade mal zehn Beamte, die allerdings auf ein paar Hundert anderswo zurückgreifen können (Bundeswehr, Verfassungsschutz, BND).

Unsere Freunde, die guten und nicht so guten, sind nicht in Schreckstarre verfallen. Im Vergleich: Die NSA hat mehr als 35.000 Mitarbeiter. So viele müssen – können – es hier nicht sein. Dennoch ist die Bedrohung real und weltweit – vom Terror (Sauerland-Gruppe) über Industriespionage bis hin zum Abhören der Regierung. Ein Staat, der solche Angriffe nicht kontern kann, verliert einen Teil seiner Staatlichkeit.

Es ist ein ewiges Rennen zwischen Offensive und Defensive, bloß läuft es x-fach schneller als in der klassischen Rüstung, wo die Entwicklung eines Systems Jahre dauert. Die Echtzeitkonkurrenz erfordert Forscher, Ingenieure und Algorithmen-Tüftler. Verschlüsselungsspezialisten und Codeknacker. Server und Computer. Vor allem helle Köpfe, die der Konkurrenz einen Schritt voraus sind. Das kostet Geld? Reichlich. Gemessen am Schaden für Politik und Wirtschaft wäre es aber eine lebenswichtige Investition im Ätherkrieg. Ein No-Spy-Abkommen geziemt sich unter Freunden. Noch besser ist die Abwehr.

von Josef Joffe