Dieses Buch klingt lange nach. Es ist kein atemberaubendes Sprachkunstwerk, enthält keine außergewöhnlichen Thesen. Es ist in mancher Hinsicht sogar ein eher schlichtes Werk aus dem Genre authentisch erzählender Sachbücher. Aber es trifft einen Zentralnerv der Gesellschaft, den zu berühren wir uns oft scheuen. Denn jede Berührung führt zu ethischen Konflikten, die nur dem dogmatischen Denken leicht lösbar erscheinen.

Das Buch heißt Lotta Wundertüte und wurde von der Journalistin Sandra Roth verfasst, die mit Mann und zwei Kindern in Köln lebt. Eines der zwei Kinder, im Text Lotta genannt, ist laut Behindertenausweis zu hundert Prozent behindert. Das Mädchen, im Herbst 2009 geboren, kann weder allein sitzen noch krabbeln, es leidet unter einer starken Sehbehinderung und unter epileptischen Anfällen. Sandra Roth war im neunten Monat schwanger, als im Gehirn des Ungeborenen eine Gefäßfehlbildung diagnostiziert wurde. Anders als beim Downsyndrom war es den Ärzten damals unmöglich, irgendwelche Voraussagen über Art und Schwere der zu erwartenden Schäden des Kindes zu treffen. Laut Paragraf 218 des Strafgesetzbuches lag somit eine medizinische Indikation vor, die der Mutter eine sogenannte Spätabtreibung straffrei erlaubt hätte. Sandra Roth entschied sich, das Kind zu behalten. Und sie fragt sich, ob sie den Mut zu dieser Entscheidung gehabt hätte, wenn sie sich im Klaren gewesen wäre, wie schwer behindert Lotta sein würde. "Ich hoffe es", schreibt sie, "aber ich glaube es nicht."

Wahrscheinlich sind es Sätze wie dieser unerhört ehrliche, unpathetische, denen das Buch sein Gewicht verdankt. Ohne den geringsten Anflug moralischer Überlegenheit oder dogmatischer Selbstgewissheit denkt es über das Recht auf Leben unter den Bedingungen der Pränataldiagnostik nach. Kinder wie Lotta kommen immer seltener zur Welt (im Übrigen nur noch jeder zehnte Embryo mit Downsyndrom-Disposition). Kinder wie Lotta werden immer häufiger von der Umwelt mit durchaus mitfühlenden Blicken bedacht, die ausdrücken: Das muss doch heute nicht mehr sein.

Nicht an allen Tagen hatte Sandra Roth die Souveränität, mit Lotta auf den Spielplatz oder ins Restaurant zu gehen. Aber an jedem einzelnen Tag war sie dankbar für ihre Entscheidung: für Lottas Leben. Gesunde Kinder lächeln etwa in der sechsten Lebenswoche zum ersten Mal Mutter oder Vater an, Lotta nicht. Niemand konnte voraussagen, ob sie überhaupt je lächeln würde. Und dann tat sie es, im sechsten Monat, "zwei hochgezogene Mundwinkel". Für ein solches Glückserlebnis steigen andere Menschen auf den Mount Everest. Sandra Roth beschönigt nicht die Krisen, in die sie geriet, und nicht den Alltag, der sich – auch – aus zahllosen Krankenhausaufenthalten, Arztbesuchen, Therapieterminen, Notarzteinsätzen zusammensetzt. Sie unterschlägt auch nicht die wirtschaftlich günstige Situation der Familie, die es ihr erlaubte, aus dem Beruf auszusteigen. Ihr Buch ist weder als heroisches Beispiel gedacht noch als Antiabtreibungsplädoyer. Aber es ist nicht weniger als die Erzählung einer Geschichte des Glücks: des Glücks der Unverfügbarkeit des Schicksals.