Es ist interessant, welche Begebenheit J. M. Coetzee in seinem Essay Was ist ein Klassiker? herauspickt, um eine Antwort auf die Frage nach dem Klassischen zu finden. Er erzählt von T. S. Eliot, den viele für einen Engländer halten werden. Tatsächlich war Eliot Amerikaner, der nach England gekommen war mit dem festen Vorsatz, britischer als jeder Brite sein zu wollen. 1944 hält Eliot als Präsident der Vergil-Gesellschaft einen Vortrag in London, in dem er – wir fühlen uns an Giorgio Agamben erinnert – nach einem neuen kulturellen Ordnungsmuster für Westeuropa sucht. Ihm schwebt so etwas wie ein römisches Europa vor, und so erfindet er, der Neu-Engländer, den Briten eine römische Ahnenschaft. Eliot kommt auf Vergils Aeneis zu sprechen, jenes Epos, das wie kein anderes Staatsidentität erfand, indem es vom Flüchtling Aeneas aus Troja erzählt, der auf italischem Boden Rom gründete.

Mit anderen Worten: Der Südafrikaner Coetzee, der seine Heimat – angewidert – verließ, um in England zu studieren, wo er als Fremdling behandelt wird, berichtet von einem Amerikaner, der zum perfekten Briten wurde, aber seinerseits eine kulturelle Neugründung Europas herbeiführen wollte, indem er sich auf Vergil als Ahnherrn berief, dessen Epos nationale Identität durch poetische Imagination schuf. So vielfach verschachtelt, so zugleich kanonisch und idiosynkratisch funktionieren kulturelle Identitätsstiftungen. Das Klassische ist durchaus zugänglich, es kann nicht nur erobert, es kann durch Einbildungskraft umgedeutet werden.

Solche Prozesse hat es immer gegeben, sie prägen aber in herausragender Weise die heutige Weltgesellschaft, die von Migrationsströmen im großen Stil geschaffen und neu erfunden wird. Die Literatur spielt in diesem Prozess eine wichtige Rolle. Sie hält nicht nur oft leidvolle Erfahrungen fest, die mit dem Kulturwechsel verbunden sind, sie schreibt auch die Definitionsmacht der Dominanz-Kultur um, indem sie sich in ihre Traditionslinien einschreibt und diese umdeutet oder gar auf sich selbst zulaufen lässt.

Das Thema liegt also auf der Straße, bei jedem zweiten Buch von Teju Cole bis Zadie Smith stolpert man darüber. Sigrid Löffler hatte das richtige Gespür, diese, wie sie sie nennt, "neue Weltliteratur" zum Gegenstand eines Buches zu machen. Die Topografie dieser neuen Weltliteratur, die Sigrid Löffler zeichnet, hat blinde Flecken, gleichwohl ist die Fülle des Materials, das sie zusammenträgt, eindrucksvoll und inspirierend. "Hybrid" nennt sie diese Literatur immer wieder, weil ihre Erzähler zwischen zwei Kulturen leben und aus dieser Spannung ihre neue Identität gewinnen. Es ist schon erstaunlich, welch weite Teile der Literaturproduktion mit dieser Kategorie tatsächlich abgedeckt werden können. Diese hybride Weltliteratur ist keine Nische, nichts Marginales, sondern der Hauptstrom der gegenwärtigen Kulturproduktion. Gespeist wird er vor allem natürlich aus der Dekolonisation des britischen Empires (V. S. Naipaul, Salman Rushdie), aber auch aus der Auflösung der Sowjetunion und den Schicksalen von Bürgerkriegsflüchtlingen.

Man ist aber ein wenig verwundert, wie zaghaft diese temperamentvolle und meinungsstarke Literaturkritikerin mit ihrem aufregenden Material umgeht. Sigrid Löffler behandelt die Literatur vor allem als Medium der Widerspiegelung: Es gibt Migration, und es gibt Romane, die von der Schwierigkeit der Ankunft erzählen. Eigene kulturtheoretische Thesen entwickelt sie kaum, weshalb sie die fantastische Kraft der Literatur zum kulturellen Nation-Building nicht so recht in den Blick bekommt.