Sich mit einem faszinierenden, aber scheuen Menschen austauschen, das geht am besten bei einem Spaziergang; gerät das Gespräch ins Stocken, lässt der regelmäßige Rhythmus der Schritte die Worte weiterfließen.

Es ist Simone Weil, der ich gerne begegnen möchte an diesem frostigen Pariser Januartag, an dem dichte Wolken der Stadt ihren Glanz nehmen. Auf den Gehwegen liegen die überflüssig gewordenen Weihnachtsbäume.

Simone Weil, die große französische Philosophin. Sie war viel mehr als eine Denkerin, schuf eine Philosophie, nach der sie wirklich handelte: Sie setzte sich für die Unterdrückten ein, war ausgebildete Philosophielehrerin, schuftete aber lieber in Fabriken und verschenkte ihren Lohn. Sie war Jüdin und doch Agnostikerin, bevor sie zur christlichen Mystikerin wurde. Wandlungsfähig, warmherzig, widersprüchlich, so stelle ich sie mir vor.

Sie ist 1943 gestorben, und dennoch möchte ich versuchen, mit ihr durch Paris zu gehen, in Gedanken: einen Spaziergang zu jenen Orten machen, die etwas von ihrem Leben erzählen – ihre Schriften unter dem Arm, in denen ich Antworten suche und auf neue Fragen stoße. Bis ich ihr zuletzt wirklich begegnen werde.

Ihre Studienkollegin Simone de Beauvoir sagte einmal, sie beneide die Weil um ihr Herz, das imstande sei, für den ganzen Erdkreis zu schlagen. Nobelpreisträger Heinrich Böll wollte so gern über sie schreiben, entschied aber dann: "Ich bin ihr nicht gewachsen, intellektuell nicht, moralisch nicht, religiös nicht." Weils eigener Bruder beurteilte sie so: "Entweder sie ist verrückt, oder sie ist eine Heilige." Und ihre Mutter sagte einmal, angesprochen auf die Berühmtheit der Tochter: "Ach, wie viel lieber wäre es mir gewesen, wenn sie glücklich gewesen wäre."

Mich fasziniert diese unglückliche Frau. Sie war voller Empathie. Wild entschlossen, den Sinn des Lebens zu finden und das, was sie als richtig erkannt hatte, umzusetzen –koste es auch das eigene Leben. Sie war kompromisslos und ein ebenso gescheiter wie zerrissener Mensch, nicht glatt oder einfach.

Ich würde gern verstehen, warum sie so verdammt hart zu sich selbst war. Die Härte hat sie umgebracht. Ihr Herz versagte mit gerade mal 34 Jahren, da war sie kaum älter, als ich es heute bin. Sie hatte sich geweigert, etwas Nahrhafteres zu essen als ihre Landsleute auf dem Festland, deren Nahrung im Zweiten Weltkrieg streng rationiert war – obwohl sie wegen einer Tuberkulose im Krankenhaus lag, im britischen Exil. Sie hatte als Jüdin aus Frankreich fliehen müssen. Ich frage mich: Starb sie aus übertriebenem Gerechtigkeitssinn? Als Märtyrerin? Aber welchen Sinn soll ihr Tod bitte schön gehabt haben?

Luxus war ihr zuwider. Ihr Aussehen war ihr total egal

Rue Auguste Comte 3, im Quartier Latin von Paris. Hier hat sie mit ihrer Familie über zehn Jahre lang gelebt, oben in der Dachgeschosswohnung; ein unscheinbares Täfelchen an der Fassade des Hauses erinnert daran. Ich stelle mir vor, wie mir Weil im schmalen Treppenhaus entgegenkommt, sie ist noch immer 34 Jahre alt. Ihr spindeldürrer Körper steckt in einem unförmigem Rock und einem dünnen Mäntelchen, die Locken stehen widerspenstig in alle Richtungen. Die übergroßen Brillengläser überdecken das schöne Gesicht. Als Dreijährige hat sie einmal gesagt, Luxus könne sie nicht leiden, ihre Erscheinung war ihr zeitlebens egal – ganz anders als den Pariserinnen auf der Straße, die in eleganten Kleidern vorbeieilen.

Es sieht aus, als wäre der rote Teppich, der die Stufen zu ihrer Wohnung hinabführt, für sie ausgelegt worden. "C’est idiot", hätte Simone Weil wohl verärgert gesagt: "dummes Zeug". So hat sie Ideen von Bekannten abgefertigt, die ihr missfielen, ehrlich und erbarmungslos. Und um einen roten Teppich hätte sie immer einen Bogen gemacht.