DIE ZEIT: Herr Kardinal, in Nigeria kämpfen Islamisten gegen Christen, in Syrien und in der Zentralafrikanischen Republik schlachten sich die Angehörigen beider Religionsgemeinschaften gegenseitig ab. Droht der Welt ein neuer Krieg der Religionen?

Óscar Kardinal Rodríguez Maradiaga: Religionskriege waren immer die grausamsten in der Menschheitsgeschichte. Wir müssen auf jeden Fall weitere Eskalationen verhindern. Schluss mit dem Krieg! Religion darf kein Vorwand sein, um die Schöpfung Gottes zu zerstören. Stattdessen sollten Gläubige sich auf internationaler Ebene um gegenseitigen Respekt bemühen.

ZEIT: Rund 1.600 französische Soldaten sind in der Zentralafrikanischen Republik bereits im Einsatz. Bald kommen Truppen aus EU-Ländern hinzu. Sollten die Vereinten Nationen eine Friedensmission schicken?

Maradiaga: Ja. Eine Intervention in Zentralafrika tut not – so schnell wie möglich. Die UN wurden auch gegründet, um den Frieden zu fördern.

ZEIT: Müsste der Papst sich angesichts der Religionskriege nicht viel stärker für weltweiten Frieden und religiösen Dialog einsetzen, anstatt soziale Ungerechtigkeiten anzuprangern?

Maradiaga: Soziale Ungerechtigkeit ist häufig die Ursache für Konflikte, deshalb bringt es nichts, Frieden und soziale Gerechtigkeit gegeneinander auszuspielen. Wir haben ja gesehen, was passierte, als der Papst Präsident Putin im September vergangenen Jahres einen Brief schrieb und ihn aufforderte, ein Massaker zu verhindern.

ZEIT: Wenige Tage nach dem Papstschreiben forderte Russland Syrien zur Vernichtung seiner Chemiewaffen auf.

Maradiaga: Außerdem beteten rund 100.000 Gläubige bei einer Friedensandacht Anfang September gemeinsam mit dem Papst in Rom für den Frieden in Syrien. Auch Juden und Muslime beteiligten sich daran. Ich bin sicher, dass dadurch ein Blutbad in Syrien verhindert worden ist, denn die USA waren schon zum Militärschlag bereit.

ZEIT: Der Papst hat in seinem Schreiben Evangelii Gaudium vor der zunehmenden Christenverfolgung gewarnt und die "Länder mit islamischer Tradition demütig gebeten, den Christen Freiheit zu gewährleisten, damit sie ihren Glauben leben können". Was kann der Papst außer Appellen gegen die Christenverfolgung tun?

Maradiaga: Der Papst verfügt weder über Streitkräfte noch über Bomben. Aber für den Frieden unternimmt er alles. Ich weiß nicht, ob er wirklich mit Syriens Staatschef Assad telefoniert hat, wie argentinische Zeitungen berichteten. Papst Franziskus verfügt über moralische Macht, und die muss er nutzen. Christen sind heute die am stärksten verfolgte Gruppe weltweit.

ZEIT: Nicht nur Christen werden verfolgt. Von den weltweit über 40 Millionen Menschen, die sich derzeit auf der Flucht befinden, sind laut UNHCR 70 Prozent Muslime. Sie als Präsident von Caritas International wissen um die Not dieser Menschen. Warum arbeiten christliche und islamische Hilfswerke nicht stärker zusammen?

Maradiaga: Caritas ist in 164 Ländern präsent. In Ländern wie Marokko sind alle ehrenamtlichen Mitarbeiter Muslime, und die Kooperation funktioniert hervorragend. Es ist falsch, den Islam pauschal zu verurteilen. Für den Dschihad, den sogenannten heiligen Krieg, gibt es auch nicht militärische Auslegungen, zum Beispiel im Sinne eines spirituellen Kampfes, den jeder mit sich selbst führt, um ein besserer Mensch zu werden.

ZEIT: Im Jahr 2003 haben Sie gesagt: "Ein Papst aus Lateinamerika muss sich die Verminderung des Abgrunds zwischen Nord und Süd zum Ziel setzen!" Damals galten Sie selbst als möglicher Nachfolger von Papst Johannes Paul II. Gilt der Satz auch für Franziskus, oder haben sich die Ziele inzwischen geändert?

Maradiaga: Ich glaube, dass der Satz noch gilt. Papst Franziskus will soziales Unrecht durch mehr Brüderlichkeit lindern. Das war seine Botschaft am 1. Januar, dem Weltfriedenstag. Aber seine Botschaft scheint untergegangen zu sein, die internationale Presse hat sie nicht beachtet.