So herrlich zerknittert kann diese Kunst sein, so faltenfroh und verliebt in gebauschte, aufgewühlte, in sich verschlungene Gewänder. Auch wenn sich sonst nicht viel rührt auf den Bildern, wenn Mönche, Jungfrauen und Höflinge ungelenk herumstehen und nicht recht wissen, was sie hier wohl verloren haben – die Stoffe treiben ihr wogendes Spiel. Hier sind nicht Menschen, hier sind die Dinge bewegt. Sie führen ein leise knisterndes Eigenleben.

Doch selbst das verstummt gelegentlich, dann begnügt sich Francisco de Zurbarán (1598 bis 1664), einer der wichtigsten Künstler des 17. Jahrhunderts, mit bauchigen Vasen oder auch nur einem Wasserglas. Mehr braucht er nicht für seine Kunst. Keine stolzen Heilslehren, keine blutigen Dramen, nicht das Bildtheater, das man von Rubens, Rembrandt oder Caravaggio kennt. Hier in Sevilla, der großen, reichen Handelsstadt, in der Zurbarán die meiste Zeit lebte, lernt die sonst lärmende Barockkunst, was Schweigen heißt. Sie nimmt sich zurück, wird bescheiden. Sie sucht die wahre Sensation im Unscheinbaren. Und machte damit Zurbarán zu einem der erfolgreichsten Künstler seiner Zeit.

Die Werkstatt wuchs stetig, viele Klöster, viele Kirchen wollten seine Bilder der Askese, selbst aus Übersee, aus den spanischen Kolonien, bekam er Aufträge. Heute allerdings ist er weit weniger bekannt als seine Zeitgenossen Velázquez oder auch Murillo. Und so wird die Ausstellung, die jetzt im Brüsseler Palais des Beaux-Arts zu sehen ist, zur Wiederentdeckung. Sie reißt ihn heraus aus dem Vergessen. Reich bestückt mit 50 Bildern, führt sie hinein in eine ferne Glaubenswelt, und wer nicht aufpasst, findet so schnell nicht wieder heraus.

Es sind nachtdunkle Räume, es sind nachtdunkle Gemälde. Zurbaráns Hintergründe sind schwarz, bestenfalls grau verschattet, und aus diesem Dunkel lässt er die Figuren und Dinge hervortreten. Er stellt sie in ein schneidendes, ein seltsam fernes Licht, so als hätte es schon damals Scheinwerfer gegeben. Es ist ein kaltes Leuchten, das alles Vertraute seltsam entrückt erscheinen lässt, auf wirkliche Weise unwirklich.

Der Becher, mit Wasser fast bis zum Rand gefüllt. Abgestellt auf einem Silberteller, auf dessen Rand eine Rose liegt, halb verblüht. Man schaut hin und schaut noch einmal, sieht das Glitzern des Wassers, die feine Spiegelung der Rosenblätter, den Glanz des Tellers. Vermutlich kann man diese Dinge allegorisch lesen, sie als Zeichen für Unschuld verstehen. Doch viel stärker als irgendeine Botschaft leuchtet aus diesem schlichten Bild etwas heraus, was sich umschreiben, aber nicht greifen lässt: die Stille des Wassers, der Glanz des Silbers, das sanfte Welken eines Rosenblatts.

Während die Holländer ihre Stillleben gern überfrachten, sie als üppiges Spiel inszenieren, Szenen der Augenlust und Vergänglichkeit, verzichtet Zurbarán auf jede Überwältigung. Vielleicht dachte er an Teresa von Ávila, bekannt als Mystikerin, die Gott "auch zwischen den Kochtöpfen" gesichtet hatte. Jedenfalls malt Zurbarán Bilder der Meditation, der religiösen Andacht. Und obwohl man seine Kunst nicht überweltlich nennen würde, ganz von dieser Welt will sie nicht sein. Oder eben doch?

Oft wirken Zurbaráns Gemälde wie Skulpturen, so gerundet und körperlich, als könnte man Figuren und Dinge wie aus einer Vitrine herausnehmen und mal eben auf dem Ruhebänkchen für Ausstellungsbesucher abstellen. Dennoch ist es ein Realismus mit Vorbehalt. Nie bestreiten die Bilder ihre eigene Künstlichkeit, nie wollen sie mehr sein als Illusionen auf Zeit. Denn auch das gehört für Zurbarán offenkundig zur göttlichen Wahrheit dazu: Überall offenbart sie sich ihm, aber zur Gewissheit soll sie nicht erstarren.

Er macht sich sogar lustig über all jene, die es anders sehen. Die immerzu schreiben und lesen und die Gegenwart Gottes zwischen zwei lederne Buchdeckel klemmen wollen. Sevillas gelehrte Mönche sind seine wichtigsten Auftraggeber, doch was macht Zurbarán? Er belächelt ihren Bildungsfleiß. Er zeigt, wie sie sich an ihre Bücher klammern, sie stolz mit sich herumschleppen. Was aber dort geschrieben steht, lässt sich auf den Gemälden nicht entziffern, immer zeigen die Buchseiten nur graue Schlieren, bestenfalls undeutliche Krakel. Und das, obwohl er sonst jede Fingernagelkante akribisch ins Bild setzt.