Einer der berühmtesten Sätze aus Franz Kafkas Tagebüchern geht so: "Im Kino gewesen. Geweint." Tja, wem sagt er das. Neulich kauten auch wir unser Popcorn im Multiplexsaal und suchten Zerstreuung angesichts der brennenden Fragen, die wir hier auf diesen Seiten Woche um Woche stellen. Ob alles Neue wirklich gut ist, ob das E-Book endlich kommt, ob in unserer Gegenwartsliteratur Arztkinder vornehme Langweile verbreiten?

Aber kaum war das Licht aus, kamen uns schon die Tränen, und heftig schnäuzten wir in die saugfähigen Druckfahnen des neuen Thilo Sarrazin, die wir zufällig dabeihatten. Auf der Leinwand lief John Krokidas Kill Your Darlings, ein Film über die jungen Jahre des amerikanischen Dichters Allen Ginsberg. Daniel Radcliffe, bekannt aus Harry Potter, spielte die Hauptrolle, und im Folgenden ging es um sehr coole und sehr attraktive wilde junge Männer an der Columbia-Universität. Um die großen Stars der Beatgeneration, William S. Burroughs und Jack Kerouac, dessen Leben auch kürzlich verfilmt wurde. Ebenso wie das von Truman Capote, der unter Oscars bestattet wurde. Bald soll Salinger kommen. Bukowski ist nur noch eine Frage der Zeit. Ja, die Amerikaner, dachten wir und schlürften unsere Apfelsaftschorle. Ständig steht irgendwo, dass ihre Literatur lebensgesättigter und aufregender sei als die deutsche, das ist schlimm genug. Nun scheinen selbst die Biografien ihrer Schriftsteller leinwandtauglicher zu sein.

Dunkel erinnern wir uns an den Mehrteiler über die Manns, ja, ein nationales Großereignis, aber danach? Jählings standen wir vor der nächsten Problemzone der deutschen Nachkriegsliteratur. Davor, dass zwar Peter Handkes Linkshändige Frau verfilmt wurde, nie aber Peter Handke. Dabei gäbe es doch genügend Stoff und Drama! Was ist mit Rolf Dieter Brinkmann, gewissermaßen der Ginsberg aus Vechta? Hubert Fichte? Mit Rainald Goetz durch die Raves der Neunziger, Jörg Fauser zugedröhnt in einer türkischen Matratzengruft, Christian Kracht in Nepal, Bangkok, Buenos Aires, gespielt von Lars Eidinger vielleicht? Und wieso nicht mal: Arno Schmidt! Auch unsere jüngere premiumgeschuberte Literaturgeschichte hat ihre schwer gelebten Leben; auch in ihr finden sich Wahnsinn, Zügellosigkeit, syphilitische Ausschweifung und fröhliche Misanthropie sowie alles andere, worum sich Drehbuchautoren auf der Suche nach Spektakel reißen müssten und worum sich hinterher der Juhuhugendschutz kümmert. Es geht natürlich auch familienfreundlicher (wenn man von der NVA-Episode mal absieht): Tellkamp – der Film! Schließlich sind ja Schriftstellerleben selten so, wie Klein Fritzchen sie sich vorstellt.

Aber selbst das Herumsitzen am Schreibtisch, das Ringen um Wörter, der Filterkaffee und ein Sektchen im Frankfurter Römer (Buchpreis!) ergäben womöglich keinen geringeren Wallungswert als, sagen wir, den eines gewöhnlichen Tatorts. Darauf wollten wir an dieser Stelle einmal unsere Unterhaltungsbeamten in den Filmförderanstalten hinweisen, die immer noch glauben, dass deutscher Film und deutsche Dichtkunst sich offenbar nicht gut vertragen. Oder wie ist sonst der Titel Fack ju Göhte zu verstehen?