Den Kriegsausbruch im August 1914 erlebten Zehntausende deutsche Gymnasiasten und Studenten wie in einem Rausch. "Der Krieg mußte es uns ja bringen", schrieb der völkische Schriftsteller Ernst Jünger 1920 in seinem Roman In Stahlgewittern, "das Große, Starke, Feierliche. Er schien uns männliche Tat, ein fröhliches Schützengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen." Zehntausende junger Männer eilten an die Front, in den frühen Tod. Die Zeitschriften des Wandervogels zeigen 1914/15 die Soldaten hoch zu Ross mit Schild und Lanze – umgebracht wurden die kühnen Ritter dann mit Maschinengewehren, Handgranaten und Giftgas.

Der Kriegsbeginn hatte, so ist in den "Jahresberichten" der preußischen Gymnasien nachzulesen, die Schüler "wie ein zündender Blitz" (Wilhelms-Gymnasium in Stettin) getroffen. Die jungen Männer fühlten sich als Mitstreiter im "Kampf des deutschen Volkes um seine heiligsten Güter gegen eine Welt von Feinden, um [...] Sieg und führende Weltmachtstellung oder ruhmvollen Untergang" (Friedrichs-Gymnasium zu Berlin). Endlich wollten sie sich bewähren – ohne darüber nachzudenken, wofür. Für das Große Hauptquartier – den Kaiser, die Reichsleitung, die Generalität – waren sie freilich nichts als Material, das man ge- und verbrauchte, vor allem im vier Jahre währenden Stellungskrieg an der Westfront.

Mancher Zeitgenosse hatte den Krieg in Bildern, in Gedichten und Gedanken bereits vorweggenommen, lange bevor er begann. "Aufgestanden ist er, welcher lange schlief, / Aufgestanden unten aus Gewölben tief. / In der Dämmrung steht er, groß und unbekannt, / Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand." Zeilen des 24-jährigen Berliner Lyrikers Georg Heym aus seinem Gedicht Der Krieg von 1911. Ähnliche Kriegsvisionen malte Ludwig Meidner 1912 in seinen Apokalyptischen Landschaften: Weltenbrand als Weltuntergang, der Himmel explodiert, die Erde öffnet sich feuerspeiend, verschlingt Menschen wie Städte. Und in dem Kurzroman Das Menschenschlachthaus beschrieb Wilhelm Lamszus – ein Hamburger Lehrer von eher dissidentem Zuschnitt – schon 1912 sehr präzise das Grauen des modernen Krieges.

Im August 1914 nun hatten die jungen Männer "ihren" Krieg. Sie konnten ihren Fronteinsatz kaum abwarten. Waren sie einem kollektiven Wahn anheimgefallen?

Mitnichten. Sie waren Opfer geworden eines perfiden Systems der mentalen Militarisierung, das besonders in Preußen mit dem Regierungsantritt Wilhelms II. für die männliche Jugend eingeführt worden war. Es handelte sich um eine Politisierung des "gesinnungsbildenden" Unterrichts in den Fächern Deutsch und Geschichte, besonders in den Höheren Schulen. Das Instrument der nationalistischen Indoktrination (sie hieß natürlich "patriotisch") war der "Besinnungsaufsatz" vor allem im Abitur. Die Themen lauteten: "Auch der Krieg hat sein Gutes", "Welche Güter sind es wert, daß wir für sie das Leben einsetzen?", "Gerechtigkeit erhöhet ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben, nachgewiesen an der Geschichte Israels und Preußens" (eine Prise Antisemitismus durfte nicht fehlen), "Das Leben ist der Güter höchstes nicht", "Der Tod hat eine reinigende Kraft".

Zusätzlich gab es alle Jahre am 2. September den Sedantag zur Erinnerung an den Sieg über Frankreich im Krieg von 1870/71. Militärparaden, patriotische Ansprachen, immer neue Hymnen auf Kaiser und Reich gehörten zum festen Bestandteil der patriotischen Staatsfeiern, auch in den Schulen. Gesungen wurden Die Wacht am Rhein und die Kaiserhymne Heil dir im Siegerkranz, es folgten Festreden und Festspiele: "Aus Deutschlands großer Zeit", "Gebet für Kaiser und Reich", "Germanias Rheinwacht", "Deutscher Patriotismus vor 100 Jahren und jetzt", "Über den großen Segen der allgemeinen Wehrpflicht für das deutsche Volk"..Aber nicht nur in den Klassenzimmern der Höheren Schulen wurde zu den Waffen gebetet. Auch auf dem neu etablierten und intensivierten Gebiet der staatlichen Jugendpflege für die Masse der Arbeiterjugend hatte die Erziehung zur Wehrhaftigkeit oberste Priorität.

Vor allem der 1891 in Berlin gegründete Zentralausschuss zur Förderung der Volks- und Jugendspiele entwickelte erstaunliche Aktivitäten. Zum einen ging es um den ewigen Kampf gegen die "verderblichen und staatsgefährdenden Umtriebe der Socialdemokratie", zum andern um Begeisterung für Wehrertüchtigung und Kriegsspiele. Für die Arbeiterjugend sollte die "verhängnisvolle Lücke in dem Erziehungsplan" zwischen Schule und Kaserne geschlossen werden; denn zwischen Ende der Volksschule mit 14 und dem Eintritt in den Militärdienst mit 18 Jahren fand keine staatliche Gesinnungskontrolle statt. Ende der 1890er Jahre wurden daher die lokalen "Jugendwehren" ins Leben gerufen, zur freiwilligen vormilitärischen Ausbildung. Hinzu kam die Gründung des Bayerischen Wehrkraftvereins, der zusammen mit dem Deutschen Pfadfinderbund von 1911 das Programm "Volkskraft durch Wehrkraft" verfolgte. 1914 waren schon 90.000 Jungen bei den Pfadfindern organisiert.

Das sozialpsychologisch wirksamste Mittel, junge Arbeiter zu gewinnen, waren Abenteuer-Wochenenden. Da gab es Wanderungen, Spiel und Sport, Lektüre und Gespräch – aber auch Marschieren und Schießen. Es war das Erlebnis der Gemeinschaft, zu dem selbstverständlich die Einübung von Disziplin und Gehorsam gehörte. So liefen Jugendpflege und Jugendbewegung zusammen. Und so konnten dann auch politische Ziele untergeschoben werden, deren interne Akzeptanz mit der Intensität des Gemeinschaftserlebnisses stieg.

"Mit Sang und Klang zum Krieg wie zu einem Feste"

Ebenfalls im Jahr 1911 wurde auf Anregung der Militärs der Jungdeutschland-Bund als Dachverband aller Jugendverbände zur Wehrerziehung gegründet. Er umfasste 1913 an die 500.000 Jugendliche, 1914 waren es bereits 750.000. Das 1913 erschienene Jungdeutschland-Buch wird eröffnet mit einer Bildtafel Jungdeutschland jubelt dem Kaiser zu, gefolgt von Erinnerungen eines Kriegsfreiwilligen aus dem Krieg gegen Frankreich 1870, und wird abgeschlossen mit einer Bildtafel Empfang der Helden in Walhall, wo sie – keineswegs verstümmelt und zerfetzt, vielmehr heiter und in schmucker Uniform – von Friedrich dem Großen begrüßt werden. In dem Manifest Jungdeutschlands Gesetz lesen wir: "Jungdeutschland [...] steht in guten und bösen Tagen unverbrüchlich zu Kaiser und Reich. Jungdeutschland soll wehrhaft und wahrhaft sein. Es fürchtet Gott und sonst nichts in der Welt." Entsprechend der Schluss-Appell: "Auch uns wird einmal die frohe, große Stunde des Kampfes schlagen. [...] Still und tief im deutschen Herzen muß die Freude am Krieg und ein Sehnen nach ihm leben, weil wir der Feinde genug haben und der Sieg nur einem Volke wird, das mit Sang und Klang zum Krieg wie zu einem Feste geht." Was dann von August 1914 an tatsächlich mit den jungen Männern geschah, war nichts anderes als staatlich befohlener und organisierter Massenmord.

Doch selbst kritischere Geister konnten sich der mentalen Mobilisierung nur schwer entziehen. Als im Oktober 1913 zur Erinnerung an die Befreiungskriege gegen die napoleonische Herrschaft in Leipzig das Völkerschlachtdenkmal eingeweiht wurde, trafen sich Wandervögel und Studenten zu einer Gegenkundgebung auf dem Hohen Meißner bei Kassel. Aber auch unter ihnen war der Geist des Militarismus weit verbreitet, selbst wenn sie das für altbackene "vaterländische Gesinnung" hielten. Es ist kein Zufall, dass Gymnasiasten aus dem Wandervogel und freideutsche Studenten im August 1914 in hellen Scharen kriegsfreiwillig in die Kasernen eilten, um als Erste an die Front zu kommen. Schließlich hatten in den meisten Ortsgruppen der Wandervögel, nicht anders als bei den Pfadfindern, Kriegsspiele zum festen Programm gehört.

In der Rückschau auf den Beginn des Ersten Weltkriegs ist derzeit viel von "Schlafwandlern" die Rede. Dem Historiker, der in der Welt der Kabinette und Audienzzimmer verharrt, mag sich so ein Ausdruck aufdrängen. Doch wer weiter schaut, in die Gesellschaft hinein, in die Schulen und Universitäten, dem zeigt sich noch ein anderes Bild. Der sieht keine "Schlafwandler" am Werk, sondern Kriegstreiber. Auch in Preußen-Deutschland war seit Langem auf eine mentale Kriegsbereitschaft hingearbeitet worden, die nun freigesetzt werden konnte. Bedenkenlos und rücksichtslos.

Die Bildungs- und Sozialgeschichte der Jugend im 19. und frühen 20. Jahrhundert eröffnet einen eigenen Blick auf das Epochenjahr 1914. Von hier aus lässt sich die Frage nach der Kriegsschuld einmal anders stellen: Wie steht es um die Schuld derjenigen, die zum Krieg und Hass erzogen haben? Deutschland ist ein bildungsgläubiges Land, man sollte die Macht der Erziehung nicht unterschätzen. Der Tod bei Ypern und Verdun jedenfalls, zu dem Abertausende junger Männer abgerichtet wurden, hatte nun wahrlich keine "reinigende Kraft", sondern war ein grausiger Tod im Elend, der nur neues Elend zeugte und in Europas Selbstzerstörung mündete.