Die Kunst des Schauspielens, hat Robert Redford einmal gesagt, bestehe darin, mit sich selbst in der Öffentlichkeit intim zu sein. Man muss es aushalten, dass viele andere das eigene Bei-sich-Sein parasitenhaft mitgenießen.

In Paris und Berlin kann man jetzt zwei großen Schauspielerinnen dabei zusehen, wie sie das machen: wie sie nämlich, inmitten des großen Betriebs, auf der Bühne allein sind.

Es sind zwei Premieren besonderer Art: Isabelle Huppert arbeitet im Pariser Odéon-Theater zum ersten Mal mit dem Regisseur Luc Bondy, und Nina Hoss spielt an der Berliner Schaubühne ihre erste Rolle unter Thomas Ostermeier. Man sieht zwei Frauen, die, eingeschnürt in Konventionen, bewacht von Männern, in eine Freiheit aufbrechen, in der sie unerreichbar allein sind. Beide Stücke haben offene Enden, die nichts Gutes ahnen lassen: Vielleicht können diese Frauen ihre Freiheit gar nicht überleben.

In Berlin hat Thomas Ostermeier Lillian Hellmans Schauspiel Die kleinen Füchse (1939 am Broadway uraufgeführt und 1941 von William Wyler verfilmt) mit ziemlicher Freiheit inszeniert: Das Südstaatenstück, das um 1900 spielt, wird in die klassische Moderne einer Film-noir-Nacht (Bühne: Jan Pappelbaum) verlegt.

Nina Hoss spielt Regina Giddens, eine Figur, die im Film von Bette Davis dargestellt wurde: jüngste Schwester zweier Brüder, die das ganze Erbe bekommen haben, verlorenes Kind einer Familie, in der es keinen Zusammenhalt gibt, sondern nur gegenseitiges Belauern. Man bleibt aus einem einzigen Grund beisammen: um das Vermögen zu bewachen. Regina ist umgeben von nervenzitternden, gehässig aufeinander angewiesenen, einander ans Messer liefernden Männern: Gestalten, die einerseits an die Seelenverkäufer aus dem David-Mamet-Milieu, andererseits an die regressiven Desperados aus der Hangover-Saga erinnern. Unter ihnen wirkt die Frau, die Nina Hoss verkörpert, wie die lederne, unerbittliche Königin der Selbstbeherrschung. Ihren Brüdern nimmt sie einen Großteil des Vermögens; ihren Mann, einen Bankier, lässt sie, als ihn eine Herzattacke umwirft, solange liegen, bis jede Hilfe zu spät kommt. Der Dialog, der das Ende des Gatten besiegelt, lautet, leicht gekürzt:

Regina: "Du hast mich als Mann immer angeekelt." Ihr Mann: "Warum hast du mich nie verlassen?" Regina: "Ich wusste ja, dass du vor mir stirbst."

Dies ist der einzige zärtliche Moment, der sich auf der Bühne zwischen Regina und ihrem Mann ereignet. Wie Hoss den tödlichen Satz spricht, mit diskreter, verruchter Dankbarkeit, das reißt mit einem Schlag die ganze, raffiniert getarnte Mördergrube auf, in welche diese Frau aus Notwehr von Kindheit an ihr Herz versenkt und verwandelt hat.

Welche Rolle hat im Theater üblicherweise die schöne Frau? Sie ist die Trophäe, das Pfand, die Geisel, der Köder oder der Katalysator auf einem von Männern überrannten Spielfeld. Ostermeier und Nina Hoss spielen dieses Spiel eine Weile mit, aber dann zeigen sie, wie die ganze Truppe vom Blitz getroffen wird – nur Regina bleibt stehen.

Wie viel Gift Hoss in einen Blick, einen Zischlaut, eine Bühnensekunde legen kann, ist immer wieder sehenswert. Die Frau, die sie spielt, braucht für ihr Wohlbefinden eines nicht: das Gefühl, sie werde geliebt oder auch nur gemocht. Sie hat sich von allem sozialen Zierrat befreit. Das Einzige, was sie noch in Erregung versetzen kann, ist die Aussicht, ihr Vermögen (ihre Freiheit) zu vermehren.

Ihre erotischen Reize sind Tarnwerk, zuoberst ihr Lächeln: Es ist ein Lächeln, das, wenn Regina im Halbdunkel den Kopf wendet, sich nicht mitbewegt, sondern am alten Ort im Raum schwebt wie eine schneeweiße Wolke – reine Täuschung, Teil der Rüstung.

Wir sehen die Expedition einer kaltgestellten Frau vom Rand zurück in die Mitte des Geschehens. Am Schluss, endlich besitzt sie Macht und Geld, und alle Familienmitglieder sind offene Feinde, steht sie allein auf der nächtlichen Bühne, die sich zu drehen beginnt, und die Szene wirkt, als führe Regina einen Fluss hinab, an dessen Ufern Bestien lauern und dessen Strömung auf einen Wasserfall zufließt. Sie schaut forschend in die Dunkelheit, aber sie wird die Fahrt fortsetzen. Man würde ihr gern weiter zusehen.

Nina Hoss spielt in Berlin eine Frau von schier bestialischem Freiheitsdrang: Sie zerreißt alle Zusammenhänge, und es wird klar, was allen menschlichen Beziehungen zugrunde gelegen hatte. "Liebe" und "Familie" sind nur semantische Schutzhüllen, in denen finanzielle Interessen verborgen liegen. Familienleben ist: Streit ums Erbe.