Ludwig Landgrebe, letzter Assistent des Philosophen Edmund Husserl zwischen 1923 und 1927, hatte Martin Heidegger sehr gut gekannt, er sollte sogar 1964 sein Nachfolger auf dessen Freiburger Lehrstuhl werden. Landgrebe ist zum Teil die Rettung des Husserl-Archivs zuerst nach Prag, dann nach Löwen zu verdanken. Er wurde auch der Herausgeber und Redakteur von Husserls Buch Erfahrung und Urteil, in Gabelsberger Stenografie geschrieben, die er als einer der Seltenen noch entziffern konnte.

Da Landgrebe mit einer Jüdin (Ilse-Maria Goldschmidt, meiner Schwester) verheiratet war, durfte er während der Nazizeit nicht Beamter werden und schon gar nicht irgendeinen öffentlichen Lehrstuhl bekleiden. Erst 1947 wurde er Professor der Philosophie in Kiel, dann in Köln. Landgrebe erzählte liebevoll viele schöne und heitere Anekdoten über Husserls berühmte Zerstreutheit. Oft aber kam er auf Heidegger zurück, wie er mittwochs, nach seiner Vorlesung, bei Husserl jedes Mal sein Nachmittagsschläfchen hielt, einige Jahre lang, und wie Anfang 1937 Husserl einmal zu Landgrebe sagte: "Ja, Landgrebe, der Martin, der kommt nicht mehr, ich weiß schon, warum."

Heidegger, übrigens, brauchte erst gar nicht Husserl die Universitätsbibliothek zu verbieten, da dieser sie sowieso kein einziges Mal betreten hat, alle Bücher, die er brauchte, hatte er.

Als ich 1954 meine Patentante Frau Ellen Raemisch in Freiburg im Breisgau besuchte, erzählte mir eine ihrer Freundinnen, Frau Feist, die damalige Besitzerin der Wohnung Edmund Husserls, wie sie im März 1938 mehrmals bei Heidegger vorsprach, um ihm vorzuschlagen, die Wohnung in der Lorettostraße für das Philosophische Institut in Anspruch zu nehmen, damit Husserl, der als Jude keine Wohnung mehr mieten durfte, noch zu Hause in Ruhe sterben könne, was Heidegger jedoch jedes Mal entschieden verweigerte. Anekdoten können auch philosophisch oder, besser gesagt, dem "Denken" nach verstanden werden.

Georges-Arthur Goldschmidt, Schriftsteller, Essayist und Übersetzer, wurde 1928 in Reinbek bei Hamburg geboren. Er überlebte die nationalsozialistische Judenverfolgung in einem katholischen Internat in den französischen Alpen und bei dortigen Bergbauern. Goldschmidt, der die Werke des Schriftstellers Peter Handke ins Französische überträgt, lebt in Paris. Zuletzt erschien von ihm im S. Fischer Verlag die Erzählung "Ein Wiederkommen"