DIE ZEIT: Herr Klocke, Sie forschen über Homo- und Transphobie bei Kindern und Jugendlichen. Wie schätzen Sie die Situation für Homosexuelle an Schulen ein?

Ulrich Klocke: Sie ist alles andere als erfreulich. Homophobe Beschimpfungen und Witze sind dort an der Tagesordnung. 60 Prozent der Sechstklässler verwenden das Wort "schwul" als Schimpfwort, 40 Prozent das Wort "Lesbe" – das hat unsere Studie an Berliner Schulen ergeben.

ZEIT: Steckt dahinter denn wirklich eine homophobe Einstellung?

Klocke: Solche Sprüche müssen nicht diskriminierend gemeint sein. Wenn man Jugendliche nach ihrer Einstellung fragt, sagen drei von vieren, dass Schwule und Lesben die gleichen Rechte wie heterosexuelle Paare haben sollten. Aber sie wissen, dass sie mit solchen Ausdrücken andere gut treffen können. Unter Kindern und Jugendlichen herrscht ein großer Druck, sich geschlechtskonform zu verhalten. Wenn man einen Jungen als schwul bezeichnet, wirft man ihm damit vor, zu weiblich zu sein, und kann ihn damit wirksam beleidigen. Das zeigt übrigens, dass auch heterosexuelle Menschen Opfer von homophoben Beschimpfungen werden.

ZEIT: Was können Lehrer tun?

Klocke: Es ist auf jeden Fall sinnvoll, solche Sprüche nicht zu ignorieren, sondern sie zu hinterfragen – warum ist "Lesbe" ein Schimpfwort? Was ist so schlimm daran, schwul zu sein? – und zu zeigen, was sie anrichten: nämlich dass homo- und bisexuelle Schüler sich in so einem Klima nicht trauen, zu ihren Gefühlen oder ihrem Partner zu stehen.

ZEIT: In den vergangenen Wochen wurde heftig darüber diskutiert, ob und wie sexuelle Vielfalt im Unterricht eine Rolle spielen sollte. Auslöser war ein Entwurf für einen neuen Bildungsplan in Baden-Württemberg. Warum reagieren so viele Menschen ablehnend auf das Thema?

Klocke: Dahinter steckt vor allem die Angst, dass Jugendliche in ihrer sexuellen Orientierung beeinflusst werden könnten, indem man positiv über Homosexualität spricht. Die Forschung zeigt jedoch, dass man zu seiner sexuellen Orientierung nicht verführt wird. Viele Menschen verkennen außerdem die Realität an den Schulen. Bisher spielt Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit da fast überhaupt keine Rolle – wenn, dann vielleicht im Biologieunterricht, wenn es um HIV-Prävention geht. Nur weil das Thema nun auch mal im Kontext Partnerschaft oder Familie vorkommen soll, kehren sich nicht die Verhältnisse um. Die Befürchtung, dass die Schule dadurch zu einer Art Indoktrinierungsanstalt unter dem Regenbogen wird, ist völlig absurd.

ZEIT: Der Begriff "sexuelle Vielfalt" weckt offenbar unerwünschte Assoziationen.

Klocke: Es ist schwierig, einen schönen Überbegriff für das Thema zu finden. In der Szene selbst wird häufig "LSBTI" verwendet – für lesbische, schwule, bisexuelle, Transgender- und intersexuelle Lebensformen. Das ist natürlich ein Abkürzungsungetüm. Bei "sexuelle Vielfalt" denken viele sofort an Sexualpraktiken, um die es aber überhaupt nicht geht. Es geht darum, dass Schülerinnen und Schüler lernen, mit Anderssein umzugehen, und Vielfalt als etwas Bereicherndes begreifen. Das hat nichts damit zu tun, was jemand im Bett macht.