Symptomatisch daran ist, dass das Sinnbedürfnis sich von unten in die Mitte verlagert hat: Nicht nur die ohnehin vom Fortschritt Abgehängten, die aufstrebenden urbanen Milieus sind im Lauf der Jahre trostanfällig geworden. Auch über diese zwischen Projektarbeit, Wickeltisch und dem Anspruch auf Selbstverwirklichung hin- und hergerissene Schicht ist viel geschrieben worden, man hat sie als "Generation Berlin" gefeiert, als neues Bürgertum hofiert, als Bionade-Boheme geschmäht. Die Pionierleistung einer Judith Holofernes besteht darin, sie auf ihrem Weg begleitet zu haben. Wo andere bloß aus der Entfernung draufschauten, lasen sich ihre akustischen Short Storys wie Stimmungsberichte aus dem Innern einer Kreuzberger Altbauwohnung, in der eine WG darüber diskutiert, wieso die Welt da draußen sich so seltsam anfühlt und ob der Übermacht des Großkapitals nicht vielleicht doch etwas entgegenzusetzen ist. Ihre Fähigkeit, das Private politisch zu interpretieren, hat sie zu einer begehrten Spezialistin für Zeitgeistfragen erhoben. Ob es um Magersucht, Ökostrom oder den Handel mit der Dritten Welt geht – fragen Sie Frau Holofernes!


Es gab Zeiten, in denen die unwahrscheinlichsten Menschen ihr ein Mikrofon vor die Nase hielten. Vom Talkshowmoderator bis hin zu Vertretern aus Politik und Wirtschaft, alle wollten von ihr erfahren, wie es denn so bestellt sei um die Stimmung der jungen Menschen draußen im Lande. Und weil Judith Holofernes eine Person ist, die es mehr anstrengen würde, sich strategisch zu verhalten, hat sie vielen Auskunft gegeben (rühmliche Ausnahme: Bild). Man weiß erstaunlich viel über diese Frau. Selbst wer sie nie getroffen hat, ist darüber informiert, dass sie ein Kinderladenkind ist, Attac gut findet und Waffenexporte schlecht, dass sie Rio Reiser verehrt, trotz Führerschein kein Auto fährt und noch im siebten Monat auf der Bühne stand. Wem das nicht genug ist, der erfährt aus ihrem Blog, weshalb sie dafür ist, Pfandflaschen gemeinnützigen Organisationen zu schenken. "Judith Holofernes" ist ein Fortsetzungsroman, der in immer neuen Kapiteln davon handelt, wie man in Kreuzberg, diesem Labor für Lebensentwürfe, denkt und empfindet.

Ihr neues Lied "Danke, ich hab schon" ist eine personalisierte Neinsag-App

Nur Freunde hat sie sich mit ihrer Mischung aus Aufmüpfigkeit, Offenbarungsdrang und milder Sozialkritik nicht gemacht: Judith Holofernes ist auch ein Mensch, der polarisiert. Wer sie nicht liebt, hasst sie mit einer Inbrunst, wie sie in Zeiten nachlassender Ideologiebindung selten geworden ist. Nicht dass sie sich allzu viel daraus machen würde, doch diese Etiketten! "Klassensprecherin", "Berliner Mutter Beimer", "Jeinsagerin vom Dienst" – manches klang in ihren Ohren schon ein bisschen hässlich, bei jedem neuen Schmähtext in der Zeitung hat sie sich gefragt: Was wollen diese Leute eigentlich? Haben sie nichts Besseres zu tun, als ihre Feindbilder zu kultivieren? Dass ihre Kritiker letztendlich demselben Milieu angehörten, mit dem sie ins Gericht gingen, kommt verschärfend hinzu. Man kann es aber auch als Kompliment nehmen: Even bad promotion is good promotion. Wenn Popmusik dazu da ist, Gefühle zu kanalisieren, hat Judith Holofernes im Lauf eines Jahrzehnts nicht einfach nur einen Nerv getroffen. Sie ist die erste Nervtrefferin ihrer Generation.

Jetzt also Ein leichtes Schwert. Der Ton ist rauer und zugleich konzentrierter geworden. Ein Punkelement ist zurückgekehrt, das lange unter quietschig bunten Keyboards begraben lag, geblieben ist ihre Fähigkeit, der Fangemeinde aus der Seele zu sprechen. Judith Holofernes hat für jeden einen Song in ihrem großen Beutel, für die alleinerziehende Mutter wie für den engagierten Studenten, für die unglücklich Flexibilisierten ebenso wie für die halbwegs heil Davongekommenen. Die ersten Reaktionen sprechen für sich: Seit Liebe Teil 2 – jetzt erst recht, die dem Album vorausgeschickte Single, im Radio läuft, kommt es vor, dass wildfremde Passanten sie "mit Pipi in den Augen" ansprechen, und sie lässt sie zu sich kommen, denn was ihre Musik anbelangt, kennt Judith Holofernes keine Parteien, sie kennt bloß Menschen mit Hirn und Herz. Man könnte sagen: Das Angebot ist niedrigschwellig geblieben. Die alte Judith Holofernes wird es trotzdem nicht mehr geben.

In ihrer Auszeit hat sie viel nachgedacht über ihr Jahrzehnt als Heldin. Dabei ist ihr klar geworden: Ins Hamsterrad will sie auf keinen Fall zurück. Was von außen als Erfolgsmärchen beschrieben wurde, war in Wahrheit eine Riesenüberforderungsmaschine mit hohem Verschleißrisiko, man hält so etwas eine Weile durch, aber spätestens mit Mitte 30 ist einem die Gesundheit wichtiger. Keines ihrer neuen Lieder sagt es so deutlich wie Danke, ich hab schon. Sie hat das Stück letztlich für sich selbst geschrieben, doch es ist flächendeckend anwendbar. Schwarz-Grün oder große Koalition? Danke, ich hab schon. Wollen Sie Ihre Transaktion auf amazon.de bewerten? Danke, ich hab schon. Werfen Sie bitte einen Blick auf unsere aktuellen Frühjahrsfarben. Danke, ich hab schon! Danke, ich hab schon ist eine personalisierte Neinsag-App, das Antimantra zum täglichen Trendgehechel. Es spricht allerdings viel dafür, dass sie damit schon wieder im Trend liegt.

Dieselben Themen, die Judith Holofernes im Popformat verhandelt, werden anderswo unter dem Stichwort "Downsizing" diskutiert: Angesichts von zu viel Quatsch in der Welt hat man es gern wieder eine Nummer kleiner. Dass auch diese Lebensverbesserungsmaßnahme nicht unumstritten ist, gehört dazu; Judith Holofernes indes verfügt über den Vorteil, den Konflikt vor der Haustür zu haben. Während sie das Fähnlein des Nonkonformismus hochhält, melden sich aus der Nachbarschaft bereits wieder die ersten Fragen: Wie weit führt Biogekaufe? Wer bezahlt die Rechnung, wenn das gestresste Jungbürgertum sich einen lauen Lenz macht? Und was hat das alles mit der Gentrifizierung im Viertel zu tun? Der Ausgang der Debatte bleibt naturgemäß offen, aber das ist ja das Schöne am Kreuzberger Soziallabor. Wo in falschen Cafés über das richtige Leben gestritten wird, ist nie aller Tage Abend.

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