Nach dem Protokoll wäre er jetzt dran. Als Erster. Doch als Sigmar Gabriel an diesem Montagmorgen in Paris das Mikrofon gereicht bekommt, lehnt es der Vizekanzler und Wirtschaftsminister mit einem feinen Lächeln ab. Soll sein Kabinettskollege Wolfgang Schäuble ruhig zuerst berichten, was die beiden eben mit den französischen Partnern beschlossen haben.

Schäuble spricht über die Lage in Europa, die Krise, die deutsch-französische Freundschaft. Er spricht sachkundig, routiniert und etwas gelangweilt – wie immer. Dann aber ist Gabriel dran. Schnell redet er sich in Fahrt, begeistert von den eigenen Ideen, zieht er die Zuhörer in seinen Bann. Am Ende hat er fast doppelt so lang gesprochen wie Schäuble – und diesen ziemlich alt aussehen lassen.

So wird es jetzt wohl öfter sein. Denn im Kabinett verschieben sich gerade die Kräfte. Und das hat potenziell weitreichende Folgen für die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung. War bisher der Finanzminister nach der Kanzlerin der zweite Mann in der Regierung, so wandert diese Macht nun zunehmend ins Wirtschaftsministerium. Oder anders formuliert: Je größer Sigmar Gabriel wird, desto kleiner wird Wolfgang Schäuble.

Aus der Geografie kennt man diese Weltkarten, die das wirtschaftliche Gewicht der Kontinente sichtbar machen: Nordamerika sieht aus wie ein prall gefüllter Ball, Afrika wie ein dünner Strich. Bisher war auf der Karte der Berliner Macht das Finanzministerium der Ball und das Wirtschaftsministerium der Strich. Bald könnte es umgekehrt sein.

Dabei sah es zunächst so aus, als habe Gabriel mit seiner Jobwahl einen schweren Fehler begangen. Das Finanzministerium war in der Geschichte der Republik stets ein Schlüsselressort – und in der Krise hat es noch an Bedeutung gewonnen. Schäubles Beamte wachen über die Ausgaben der Regierung, koordinieren die europaweite Abstimmung der Finanzpolitik und entwerfen für die Treffen der G 20 die Leitlinien für die internationale Wirtschaftspolitik. An der Spitze des Hauses standen politische Schwergewichte wie Helmut Schmidt, Peer Steinbrück oder jetzt Schäuble.

Die Ressortchefs im Wirtschaftsministerium dagegen endeten zuletzt durchweg als traurige Gestalten: Michael Glos gab das Amt so farblos ab, wie er es begonnen hatte. An Karl-Theodor zu Guttenberg erinnert vor allem die gefälschte Doktorarbeit. Und Philipp Rösler und Rainer Brüderle beerdigten an der Spitze des Ministeriums die FDP. Sogar über eine Abschaffung des Hauses wurde nachgedacht.

Deshalb drängten viele Genossen ihren Vorsitzenden, sich das Finanzministerium zu sichern. Gabriel wurde Wirtschaftsminister – und nun ist er entschlossen, dem Amt und damit sich selbst zu neuem Glanz zu verhelfen. Seine Antrittsrede am vergangenen Freitag hielt er bewusst nicht vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos oder an einer Universität. Er sprach vor seinen Mitarbeitern und versicherte ihnen: Er werde Schluss machen mit den dogmatischen Debatten. Stattdessen soll sich das Haus in Europa einmischen, eine neue digitale Strategie formulieren und eine moderne Industriepolitik betreiben. Das behäbige Wirtschaftsministerium soll sich unter Gabriel in ein "zentrales Gestaltungsministerium" verwandeln.

Dazu hat er alte Vertraute an zentraler Stelle positioniert. Sein ehemaliger Büroleiter Rainer Sontowski soll als Staatssekretär den Kontakt in die anderen sozialdemokratischen Ministerien halten. Aus dem Willy-Brandt-Haus hat er Philipp Steinberg mitgebracht, der sein Büro leitet. Schon jetzt wird Sigmar Gabriel im Hintergrund vom SPD-Strategen Matthias Machnig beraten, der nach der Europawahl aus der Parteizentrale ins Ministerium wechseln wird und den Genossen in Sachen Wirtschaftskompetenz zu alter Stärke verhelfen soll.

Eine wichtige Rolle kommt dabei einem Trio junger und international erfahrener Fachleute zu: Jeromin Zettelmeyer, Oliver Schmolke und Jörg Asmussen. Zettelmeyer, der neue Leiter der Grundsatzabteilung im Wirtschaftsministerium, kommt von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London. Der Ökonom wurde am renommierten Massachusetts Institute of Technology in Boston promoviert und hat in der Forschungsabteilung des Internationalen Währungsfonds in Washington gearbeitet. Schmolke, Gabriels Planungschef, war für Frank-Walter Steinmeier tätig und gilt als ein Vordenker in der SPD. Asmussen, ebenfalls Volkswirt, Staatssekretär im Arbeitsministerium und davor Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB), ist weltweit bestens vernetzt und ein bewährter Politmanager. Asmussen und Zettelmeyer kennen sich noch aus gemeinsamen Studientagen in Bonn.