Wer in Wien, Graz oder Innsbruck in ein Krankenhaus muss, geht gerne in die Universitätskliniken. Die Menschen wollen gut versorgt sein. Kaum jemand macht sich aber darüber Gedanken, unter welch komplizierten Verhältnissen die Ärzte dort arbeiten. Es ist den Patienten wohl auch herzlich egal, wenn diese nicht gerade im weißen Kittel auf die Straße gehen und demonstrieren – wie vergangene Woche in Wien. Unter dem Motto "Personal-Raubbau heißt Medizin-Abbau" hielten die Ärzte des Allgemeinen Krankenhauses (AKH) eine Betriebsversammlung ab. "Es reicht", skandierten sie. Genug sei genug. Auslöser war die seit Langem angekündigte Streichung von elf Nachtdiensten täglich. Objektiv betrachtet, sind das nicht besonders viele, werden doch weiterhin etwa 160 Ärzte nächtlich Dienst tun. Ist deshalb wirklich die Patientenversorgung in Gefahr? Was steckt hinter dem Protest? Bei näherem Hinsehen wird klar, dass es sich um ein Problem handelt, das noch aus Kaisers Zeiten stammt. Was man hier erlebt ist ein Stellvertreterkrieg, der ernst zu nehmende Gefahren birgt.

Die Belastung der Jungärzte ist enorm, weil es zu viele Patienten gibt

In den Klinken der öffentlichen medizinischen Universitäten in Wien, Tirol und der Steiermark sollen Forschung, Lehre und Patientenversorgung zugleich stattfinden. Alle drei Bereiche brauchen einander, weil Studenten nicht ohne Patienten unterrichtet werden können und Forschung ohne Kranke schlecht funktioniert. Hätte so eine Uni-Klinik nur einen Herren, der anschafft, wäre die Aufgabe nicht einfach, aber lösbar. Es gibt aber – und das ist praktisch europaweit so – immer zwei Verantwortliche: die Universität, die Lehre und Forschung forcieren will, und das Bundesland, in dem das Spital steht. Den Politikern liegt vor allem die Patientenversorgung am Herzen. Somit ziehen beide Seiten oft nicht am selben Strang.

Rund sechs Milliarden Euro pro Jahr kosten alle Spitäler Steiermarks, Tirols und Wiens zusammen, 2,5 Milliarden Euro entfallen auf die Uni-Kliniken, die rechtlich dem Land gehören. Etwa eine halbe Milliarde dieser Kosten werden aber nicht durch die Länder getragen, sondern von den Universitäten. Diese müssen sich in einem Landesspital gleichsam einmieten. Und um diese Miete bezahlen zu können, kriegen die Unis wiederum Geld vom Bund.

Hintergrund dafür ist, dass die Gesamtkosten durch die neben der Patientenversorgung stattfindende Forschung und Lehre höher sind als in einem normalen Spital. Die Bundesmittel – sie fallen im internationalen Vergleich sehr üppig aus – sollen dazu dienen, die Mehrkosten, genannt Klinischer Mehraufwand (KMA), abzugelten. Der eigentliche KMA, dessen komplizierte Berechnung nirgends wirklich normiert ist, bezieht sich nur auf Sachkosten und wird von der Uni an das Land bezahlt. Er beträgt für alle drei Standorte zusammen rund 200 Millionen Euro. Seit vielen Jahrzehnten ist die Berechnung dieses KMA Teil der politischen Diskussion. Schon Kaiser Franz Joseph stritt mit Bürgermeister Karl Lueger über die Kosten des Wiener AKH.

Neben der Miete stellt die Universität aber auch Arbeitskräfte zur Verfügung, die als geldwerte Leistungen angesehen und bei der Berechnung des KMA berücksichtigt werden sollten, wie der Verfassungsgerichtshof feststellte – und damit wird es noch komplexer. Wie in jedem Spital arbeiten auch in Uni-Kliniken sowohl Ärzte als auch Pflege- und Verwaltungspersonal. Während allerdings Pflege und Verwaltung durch die gastgebenden Länder bezahlt werden, stehen die Ärzte auf dem Lohnzettel der Universität – aber je nach Standort nicht alle.

Im Wiener AKH stehen alle Ärzte im Dienst der Universität. Damit sind einige Besonderheiten verbunden. So gibt es keine normalen Turnus-Ärzte, weshalb niedrigschwellige ärztliche Tätigkeiten – wie die Blutabnahme – durch angehende Fachärzte erledigt werden müssen. Doch genau diese Jungärzte stehen mehrfach unter Druck. Einerseits müssen sie Forschung und Lehre betreiben, andererseits ihre Ausbildung absolvieren, und dann sollen sie noch jene Leistungen erbringen, die anderswo Systemerhalter erledigen.

In Graz und Innsbruck wird die Hälfte der Ärzte durch den Bund bezahlt und untersteht dem Rektor, der seit der Ausgliederung der Medizinischen Universitäten oberster Entscheidungsträger ist. Die andere Hälfte wird vom Land bezahlt und untersteht dem ärztlichen Direktor, einem Bediensteten des Landes. Und die Hälfte heißt exakt die Hälfte. Wenn es irgendwo an Ärzten mangelt, müssen sich Land und Rektor zusammenfinden und jeweils gleich viele Ärzte anstellen. Weigert sich der eine, wird der Mangel bestehen bleiben, weil es dem anderen partout nicht einfällt, für sein Gegenüber Geld in die Hand zu nehmen. Alles sehr absurd – ganz abgesehen von dem täglichen Kleinkrieg, weil sich beide gerne vorwerfen, notwendige Arbeiten dem anderen zu überlassen.