DIE ZEIT: Frau Mantel, was bewegt Sie gerade?

Cindy Mantel: Mich beschäftigt meine Rastlosigkeit. Ich bin im Jahr 1988 in Rostock geboren, und seitdem war ich ständig auf der Suche nach einem Ort, an den ich gehöre. Meine Mutter schmuggelte mich in einem Taxi nach Schleswig-Holstein, da war ich noch ein Baby.

ZEIT: In einem Taxi?

Mantel: Ja, irgendwie hatte sie einen westdeutschen Taxifahrer kennengelernt, der 1989 in der DDR bei Verwandten zu Besuch war. Dann haben die beiden den Plan ausgeheckt, mich und meine Mutter im Auto zu verstecken. Das war, noch vor dem Mauerfall, eine ziemlich heikle Angelegenheit. Aber es ist gut gegangen.

ZEIT: Sie sind dann in Schleswig-Holstein aufgewachsen?

Mantel: Ja, an sehr vielen unterschiedlichen Orten. Insgesamt bin ich schon 18 Mal umgezogen. Meine Mutter sagte dann immer, dass es in der neuen Wohnung noch besser, noch schöner sein werde. Sie hat, nachdem wir die DDR verlassen haben, immer nach dem besseren Leben gesucht.

ZEIT: Und, haben Sie das gefunden, das bessere Leben?

Mantel: Zwischenzeitlich schon. Irgendwann sind wir nämlich auf einem einsamen Gehöft gelandet, in der Schaalsee-Region in Mecklenburg-Vorpommern. Die nächsten Nachbarn wohnten einen halben Kilometer entfernt. Wir waren wieder im Osten, hatten Platz, hatten Ruhe.

ZEIT: Sind Sie dort geblieben?

Mantel: Nein, meine Eltern trennten sich irgendwann. Mit 16 Jahren habe ich beschlossen, allein zu leben, selbst zu bestimmen, wo ich sein möchte. Anfangs habe ich es dennoch gemacht wie meine Mutti: Ich zog von Ort zu Ort. Machte Abi in Ratzeburg, einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst in Indien, studierte in Hamburg. Das war schön und aufregend, aber insgeheim habe ich mir gewünscht, was man als junge Studentin eigentlich nicht will: raus aufs Land, meine Bachelorarbeit schreiben, nebenbei Marmeladen einkochen, Kinder kriegen.

ZEIT: Warum machen Sie das nicht einfach?

Mantel: Ich hab’s gemacht! Als die Abschlussarbeit anstand, schlug ich meinem Mann vor, aufs Land zu ziehen. Erst hielten wir das beide für einen zwar netten, aber unrealistischen Plan. Wir haben ihn trotzdem durchgezogen. Inzwischen leben wir wieder auf einem Gehöft, in einer Art WG mit Freunden von uns. Ich bin schwanger und empfinde hier etwas, das ich jahrelang nicht kannte. Ich fühle mich hier heimisch.

ZEIT: Sie sind in West und Ost aufgewachsen. Haben Sie sich jemals die Frage gestellt, ob Sie eher West- oder Ostdeutsche sind?

Mantel: Eigentlich sage ich immer, dass ich Norddeutsche bin. Ich gehöre ja einer Generation an, die kaum mehr über dieses Thema spricht. Da sagt man ja nicht: "Hallo, ich bin Cindy, ich bin in der DDR geboren."

ZEIT: Ist das gar kein Thema mehr?

Mantel: Doch, aber erst im zweiten Moment. Nur ein Beispiel: Mein Mann kommt aus Westdeutschland, sein Freundeskreis befindet sich da. Als ich dort vorgestellt wurde, wollte keiner wissen, in welchem Staat ich geboren bin. Ich hab das auch nicht gesagt, es war nicht wichtig. Als es sich aber herumsprach, dass meine Familie in der DDR gelebt hat, fingen die anderen langsam an, mich auszufragen: ob ich gern am FKK-Strand liege, wie ich so zum Kapitalismus stehe? Im Grunde versuchten viele, herauszufinden, wie ostdeutsch ich bin.

ZEIT: Und, wie ostdeutsch sind Sie?

Mantel: Wenn ich das wüsste! Meine Erfahrung ist, dass sich Ost- und Westdeutsche wahnsinnig gern miteinander vergleichen und sich im Grunde ziemlich ähnlich sind. So habe ich das zumindest wahrgenommen als Rückkehrerin.

ZEIT: Rückkehrerinnen wie Sie gibt es inzwischen viele. Wieso, glauben Sie, ziehen so viele Ostdeutsche wieder in ihre Heimat?

Mantel: Viele Ostdeutsche sind nach der Wende Abenteurer gewesen – oder Getriebene, je nachdem. Sie haben, wenn man so will, Migrationshintergrund. Das ist ja nichts Schlechtes, das ist ein ungeheurer Vorteil. Nun sehnen sie sich eben zurück nach der Heimat.