Wenn ich an Kokain denke, erscheinen vor meinem geistigen Auge nicht in erster Linie die wendigen Boote, die den Ozean durchpflügen, sondern etwas Greifbareres, Allgegenwärtiges, Elementares: die Ware, die Ware schlechthin, die wie ein Magnet alle anderen Waren anzieht. Sie ist der Ertrag anderer Erträge, der einzige Parasit, der den Wert des Fleisches, in das er sich eingenistet hat, tausendfach vermehrt, vielgestaltiger Vektor des Profits eines jeden Handels. Ich sehe die aufeinandergestapelten Container im Hafen von Neapel, das Gelb der MSC, das Grau der Cosco, das blaue Logo von Maersk, das Grün von Evergreen, das Rot der "K" Line und alle die anderen riesigen Legosteine, die von den Kränen auseinandergenommen und zu neuen Gebilden zusammengesetzt werden. Die reine Geometrie, die grundlegende Farbenlehre, die all das verbirgt und umschließt, was verkauft, gekauft und konsumiert werden kann. Und alles oder beinahe alles kann als unfreiwilliges oder williges Wirtstier für den weißen Stoff dienen.

Es mag paradox scheinen, aber selbst die bestversteckte Ware kommt nicht ohne ein eigenes Logo aus. Das Branding wurde erstmals bei Tieren angewendet, die gebrandmarkt wurden, um sie von denen anderer Herden zu unterscheiden. So werden die Päckchen Kokain gekennzeichnet, um ihre Herkunft zu belegen, aber auch um jede Partie zum richtigen Käufer zu leiten, wenn die großen Broker Megaladungen an mehrere Empfänger auf den Weg bringen. Beim Kokain ist das Logo in erster Linie ein Symbol für Qualität. Es geht dabei nicht um einen inhaltsleeren Werbeslogan, sondern um eine grundlegende Funktion: Die Marke schützt die Unversehrtheit jedes einzelnen Pakets, und die Narcos garantieren damit, ausschließlich reinen Stoff zu exportieren. Der gute Ruf des Kartells steht im Vordergrund. Er ist wichtiger als das Risiko, leicht zurückverfolgt werden zu können, falls die Ladung einmal in die falschen Hände gerät: ein ganz normales Unternehmensrisiko. Es ist auch kein Zufall, dass die Händler häufig die Logos der bekanntesten und begehrtesten Marken verwenden. Ihre anonyme Ware ist letztlich das Genussmittel schlechthin; und sie ist so viel wert wie alle Markenprodukte zusammengenommen, die die Leute überall auf der Welt kaufen oder von deren Erwerb sie träumen. (...)

Die Narcos kommunizieren über die universelle Sprache der Popkultur

Die Logos kommen Anfang der siebziger Jahre auf Initiative eines großen peruanischen Händlers in Gebrauch und verbreiten sich im darauffolgenden Jahrzehnt dank der kolumbianischen und mexikanischen Kartelle. Von da an nimmt ihre Zahl sprunghaft zu, sie vermehren sich genauso schnell wie der Konsum des weißen Pulvers. Eine von der Europäischen Union 2005 in Auftrag gegebene Studie kam auf 2.200 verschiedene Logos. Manche Narcos begnügen sich mit nüchternen Firmenlettern, andere ehren die eigene Fußballmannschaft, wieder andere haben eine Vorliebe für Tiere oder Blumen, für esoterische oder geometrische Symbole. Auch die Logos von Luxusautomarken kommen zum Zug oder sogar Comicfiguren. Man kann sie gar nicht alle aufzählen. Es lohnt sich aber, eine kleine Musterkollektion zu erstellen, nach Typen und Themen geordnet:

Tätowierungen: Skorpion, Dame, Delphin, Anker, Einhorn, Schlange, Pferd, Rose, Reiter und ähnliche Symbole, die den herkömmlichen Tätowierungsmotiven entsprechen, finden sich mit einem Prägestempel auf die Päckchen aufgebracht und stellen zusammen mit den elementaren geometrischen Formen die gängigsten Kennzeichnungen dar. Sie können sowohl den Absender als auch den Empfänger der Ware bezeichnen.

Fahnen: französische Trikolore, britischer Union Jack, sogar das Hakenkreuz. Sie sind nicht aufgeprägt, sondern in Farbe auf Zettel gedruckt und werden unter das Zellophan geschoben, in das jedes Päckchen eingewickelt ist. Die ersten beiden sind vermutlich Zustellungsangaben. Das Hakenkreuz wurde auf einer großen Partie Kokainpaste gefunden, die man zum Raffinieren in das bolivianische Grenzgebiet zu Brasilien schickte. Vermutlich ist es eine Bekundung ideologischer Sympathien.

Superhelden (und Ähnliches): das "S" von Superman, das Konterfei von Captain America, James Bonds Spezialarmbanduhr, aufgeprägt oder auf Zettel gedruckt. Als Provokation oder einfach nur zum Spaß eignen sich die Narcos die Ikonen der Hollywood-Fantasie an.