Es ist Winter im Engadin. Aber in Vnà regnet es. Die Tropfen spülen den letzten Schnee vom Dorfplatz, der gegen den Talgrund hin steil abfällt. Ein Postkartenidyll sieht anders aus. An der Holztür des Hotels Piz Tschütta hängt ein Zettel: "Ruhetag!". Aufgemacht werde einem aber trotzdem, auch zu später Stunde, es gelte einfach, die angegebene Nummer zu wählen. Wählen also, warten, anmelden. Keine Minute später taucht ein junger Mann in der schmalen Gasse auf, schwingt den Schlüsselbund, schüttelt dem Gast die Hand und öffnet die Türe zur Wirtshausstube mit der kleinen Rezeption.

Bald allerdings ist Schluss mit dieser Gastfreundschaft: Das Piz Tschütta soll verkauft werden.

Vor sechs Jahren schickte sich hier oben in Vnà, auf 1650 Metern über dem Meer, eine Gruppe um die einheimische Unternehmerin und Verlegerin Urezza Famos an, ihre Vision eines biologischen und ökologisch nachhaltigen Tourismus in die Tat umzusetzen. Das ganze Dorf wollte zum heimeligen, selbstbestimmten Ferienresort werden. Quasi ein alternatives Pendant zu Samih Sawiris Andermatter Milliardenbaustelle.

Dreh- und Angelpunkt des Projekts: die alte Herberge Piz Tschütta, die für diesen Zweck aufgekauft, saniert und einem Dasein als Spekulationsobjekt entzogen wurde. Ergänzend dazu boten Nachbarn ihre Zimmer als dezentrale Unterkünfte an, die Eröffnung eines Ladens mit Produkten aus der Region wurde angekündigt, Künstler stellten ihre Werke im Hause aus, und auch Arbeitsplätze sollten geschaffen werden – auf dass die 70 Einwohner des Bauerndorfes eine neue Perspektive erhielten. Das Vorhaben sorgte für Aufsehen: Medien aus dem In- und Ausland berichteten über das "Hoteldorf in den Alpen", die Schweizer Berghilfe leistete eine Anschubfinanzierung, das Staatssekretariat für Wirtschaft unterstützte das Projekt, Private steuerten namhafte Beiträge bei.

Vnà wollte Vorbild sein für andere vom Aussterben bedrohte Berggemeinden. Doch die Vision eines Hoteldorfes, in dem alle Bewohner am selben Strick ziehen, hat sich zerschlagen. Dorf und Hotel können nicht miteinander.

Fadri Riatsch ist ein besonnener Mann, der gut überlegt, bevor er einen Gedanken äußert; der Biobauer ist Mitglied der Stiftung Vnà, die das Projekt Piz Tschütta mitgetragen hat. Er sagt: "Anfänglich war ich begeistert von der Idee. Ich war mir aber auch im Klaren darüber, dass das Konzept eine große Herausforderung werden würde. Heute bin ich wie viele andere im Dorf ganz einfach enttäuscht." Versprechungen seien gemacht und nicht eingehalten worden, insbesondere was die Belegung der Zimmer in den Häusern anbelangt. Die Bevölkerung, sagt Riatsch, partizipiere überhaupt nicht am angeblichen Erfolg des Hotels; Famos spricht ihrerseits von einer Auslastung von mindestens 60 Prozent. "Das Misstrauen gegenüber der Tschütta-Crew ist so ausgeprägt, dass ein Miteinander nicht möglich ist." Riatsch begrüßt den angekündigten Rückzug der Initianten.

Dabei bringt das Hotel zahlreiche Unterländer Touristen ins Dorf, es ist mitverantwortlich dafür, dass das Postauto nach wie vor die Bergstrecke von Ramosch hinauf nach Vnà bewältigt. Auch Fadri Riatsch weiß das: "Stirbt das Tschütta, geht in ein paar Fenstern mehr das Licht aus." Von den sechzig Häusern im Dorf sind derzeit zwanzig bewohnt, zwanzig sind Feriendomizile, und zwanzig stehen leer. "Ich glaube, dass ein durchdachtes, breit abgestütztes Konzept unter neuer Führung durchaus funktionieren kann. Alles andere wäre für Vnà sehr, sehr schlecht."

Weshalb spielt das kleine Dorf auf der Sonnenterrasse über dem Inn-Tal eigentlich mit seiner Lebensversicherung?

"Ein Miteinander ist nicht möglich", sagt der Biobauer

Das Unterengadin ist schließlich nicht das Oberengadin. Der Tourismus im südöstlichen Zipfel des Kantons Graubünden funktioniert ganz anders als Inn-aufwärts; anders als in Zuoz mit seinem auf urbane Schöngeister ausgerichteten Castell etwa, Sankt Moritz mit seinen Prunkbauten, Sils-Maria mit seinem liebenswerten Waldhaus oder auch Pontresina, wo das Grand Hotel Kronenhof steht, das letzte Woche von Tripadvisor zum weltbesten Hotel gekürt wurde.

Im Unterengadin hat Luxus eine andere, eine bodenständige, schon fast philosophische Bedeutung. "Große, auf den Jetset ausgerichtete Häuser können dort nicht funktionieren", sagt denn auch Ernst Wyrsch, der Präsident der Bündner Sektion von Hotelleriesuisse. "Was es zwischen Zernez und Martina braucht, sind kleine, feine Häuser, die den Gästen Authentizität vermitteln, die in ihrer Art unverwechselbar, einfach einzigartig sind und in denen der Mensch mit seinen Bedürfnissen im Zentrum steht."

Zu dieser Kategorie gehören sicherlich die Betriebe des umtriebigen Kurt Baumgartners in Scuol. Der Hotelier aus der Innerschweiz hat es hier oben zum Hotelkönig gebracht. Dank der Hotels Belvédère, Belvair und GuardaVal hat sich der Bäderort binnen weniger Jahre zu einer Topdestination gemausert. Oder das Hotel Val Sinestra im gleichnamigen, wenige Autominuten von Scuol entfernt gelegenen Seitental. Im ehemaligen Kurhotel, das je nach Tageszeit und Wetterlage an ein Märchen- oder an ein Spukschloss gemahnt, herrscht eine unkomplizierte, familiäre Atmosphäre, die bei Festgesellschaften genauso beliebt ist wie bei Wanderern und Snowboardern. Das Sagen haben hier längst nicht mehr einheimische, sondern niederländische Eigentümer.

Der aktuelle Leuchtturm der Unterengadiner Hotellerie aber steht in Lavin, unweit des Vereina-Tunnels: das Hotel Piz Linard. Es lädt zum gepflegten Nichtstun. "Zeit, das ist der Luxus, den wir unseren Gästen schenken wollen", sagt Hans Schmid, ein Sankt Gallener, der das Haus vor sechs Jahren übernommen und einen völlig neuen Weg eingeschlagen hat: weg von den rot besockten Wandergruppen hin zu einer architektur- und kulturaffinen Klientel, die bereit ist, für ein individuell gestaltetes Zimmer und ein authentisches Essen ein paar Franken mehr auszugeben. "Wir hatten Glück: Das Dorf begegnete unseren Plänen mehrheitlich mit Interesse. Viele spürten den Pioniergeist der Gründerzeit. In den Augen anderer hingegen haben wir das Lebenswerk des Vorgängers infrage gestellt." Aber wichtig sei zu wissen: Wer in den Alpen seine Vision verwirklichen wolle, der dürfe nicht auf blinden Sukkurs der Einheimischen hoffen. Das höchste der Gefühle sei schlicht und einfach – Respekt.

"Fremdenverkehr ist ein verdammt hartes Geschäft"

In Vnà, eine halbe Autostunde von Lavin entfernt, bricht ein neuer Tag an. Die Nacht über dem engen Talkessel war ruhig – fast schon schockierend ruhig für einen Städter. Nicht einmal das alte Gebälk des Dachstocks ließ sich für den einzigen Gast des Hauses zu einem Knarren verleiten. Vor dem Piz Tschütta gurgelt der Dorfbrunnen, hinter der Nebelbank lassen sich die Gipfel der "Engadiner Dolomiten" erahnen. Ein alter Bauer schlendert grußlos über den Platz.

In der Küche bereitet Urezza Famos das Frühstück zu. Nach internen Querelen hat sie, die Unternehmens- und Kulturberaterin, die Verlegerin und Mutter, die Leitung des Hotels selber übernommen. "Ein trauriges Kapitel" sei das gewesen, konstruiert aus Anschuldigungen, Begehrlichkeiten, persönlichen Ressentiments. Konkret sah sich der Verwaltungsrat der Tschütta AG vor Jahresfrist mit dem Verdacht der Bilanzschönung konfrontiert. Erhoben wurden die Vorwürfe von einem ehemaligen Verwaltungsrat, der zuvor seines Amtes enthoben worden war.

Es war dies lediglich die Spitze des Eisbergs. Denn die Leute, die hinter dem Hotel stehen, und die Leute aus dem Dorf hatten zu diesem Zeitpunkt das Heu schon lange nicht mehr auf der gleichen Bühne.

"Für einen Bergler ist der Bündner dem Neuen gegenüber eigentlich sehr aufgeschlossen", sagt Hotelfachmann Ernst Wyrsch, den es einst aus dem Aargau in den Alpenkanton zog; "vorausgesetzt, man bezieht ihn und seine Einwände in die Realisation eines Projektes mit ein." Hans Schmid, der ehemalige Kulturchef des Kantons Sankt Gallen, der in Lavin sein Glück als Hotelier gefunden hat, kann diese Aussage nur unterschreiben. "Bei der Gestaltung unserer Räumlichkeiten haben wir auf die Fähigkeiten einheimischer Künstler zurückgegriffen. Wir sind gemeinsam mit der Bevölkerung in die Geschichte des Dorfes eingetaucht oder haben mit den Einheimischen über eine neue Form des guten alten Stammtisches debattiert." Überraschenderweise seien es vor allem die älteren Leute, die sich frischen Ideen gegenüber aufgeschlossen zeigten: "Ich spüre da eine tragende Seelenverwandtschaft." Er selbst profitiert von anderen Initiativen im Dorf, die sich schon früher gegen lokale Widerstände durchgesetzt haben: Eine Bio-Blumengärtnerei, eine Kleinkunstbühne, ein Bistro im Wartesaal des alten Bahnhofs. "Dieser Humus", sagt Schmid, "wirkt motivierend und stärkt jene, die etwas anpacken wollen."

Urezza Famos hat in ihrem Leben schon viel angepackt. Die 52-Jährige lebt mit ihrer Familie ganz in der Nähe, in Sent. Den Großteil ihres Lebens hat sie in der Region verbracht. Sie ist bestens vernetzt – manche sagen auch: verstrickt. In der Kulturszene, in der Wirtschaftswelt, in der Politik.

"Freunde habe ich im Engadin nicht viele", sagt die Hoteldirektorin

"Famos", das ist im Unterengadin eine angesehene Familie. Aber auch eine, die nicht überall gleich beliebt ist. Der Vater hat einst das Zollfrei-Einkaufszentrum Acla da Fans in Samnaun angestoßen und damit den Grundstein zu einer Holding gelegt, die Beteiligungen in den Bereichen Tourismus, Handel und Medien hält. Der Erfolg rief Neider auf den Plan.

17 Jahre lang leitete Urezza Famos das Familienunternehmen und war damit "Herrin" über 500 Angestellte. Eine Frau mit Macht – auch das ist hier oben nicht selbstverständlich und wird nicht von jedem goutiert. 2003 hat sie die Firma verlassen, um sich neuen Aufgaben zu widmen.

Ob in der Kultur oder in der Politik: Das Bestreben, den Einheimischen, der Schweiz und dem Rest der Welt ein Bild des Engadins zu vermitteln, das sich an der gegebenen Realität orientiert und nicht an heraufbeschworenen Klischees, begleitet Urezza Famos auf Schritt und Tritt.

Darum auch das Engagement in Vnà: "Fremdenverkehr, das ist ein verdammt hartes Geschäft. Und gerade in Berggebieten muss man heute bereit sein, neue, außergewöhnliche Ideen zu entwickeln. Leider haben in unserer Gegend aber viele Leute das Gefühl, der Tourismus sei gottgegeben, die Gäste kämen praktisch von selbst, und man müsste nur die Hand heben." Urezza Famos ist keine, die mit ihrer Meinung zurückhält: "Ich habe nicht den Charme eines Samih Sawiris." Und sie weiß, dass sie mit solchen Aussagen andere vor den Kopf stößt. "Freunde? Freunde habe ich nicht viele im Engadin. Und seit ich mich vor einem Jahr gegen die Bündner Olympiapläne starkgemacht habe, sind es bestimmt noch ein paar weniger."

Wie hat doch Ernst Wyrsch, der Präsident von Hotelleriesuisse Graubünden, gesagt: Es brauche kleine, feine Häuser im Unterengadin, die unverwechselbar, originell, einzigartig sind: "Wer es mit seiner Vision hingegen allen recht machen will und sich bei der lokalen Bevölkerung anbiedert, wird scheitern."

Was also ist schiefgelaufen auf 1650 Metern über dem Meer, im pittoresken Dorf mit dem schiefen Dorfplatz, dem plätschernden Brunnen und dem hübschen Hotel, von dem aus eine neue Tourismusphilosophie auf die übrigen Häuser, vielleicht die ganze Region, den Kanton Graubünden, die Schweiz hätte überspringen sollen?

Animositäten? Falsche oder falsch verstandene Versprechungen? Die richtigen Leute am falschen Ort – oder umgekehrt?

Urezza Famos wiegt den Kopf. "Ich hoffe für das Dorf, dass sich jetzt jene, die uns immer kritisiert haben, um den Erhalt des Piz Tschütta kümmern." Was so viel bedeutet, als dass sie das Haus kaufen sollen, bevor es vielleicht in "fremde" Hände gelangt. Sie schaut zum Fenster der Gaststube hinaus in den trüben Januarmorgen, sieht den Bauern, der vorbeigeht. Er spricht die gleiche Sprache wie sie, den gleichen Dialekt sogar und versteht sie dennoch nicht. "Wir hätten", sagt sie, "einen neutralen Vermittler gebraucht. Je früher, desto besser."

Vielleicht aber war das Projekt Piz Tschütta von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Eine deutsche Tourismusstudie nahm 2012 Hoteldörfer in Italien ("Alberghi Diffusi") unter die Lupe. Überall sind die Initiatoren mit ihrem Ansinnen gescheitert. Aus drei Gründen: Die Alberghi sind nicht auf wirtschaftliche Unterstützung der Dörfler angewiesen, den Kommunen fehlt es an Weitsicht, und die Einwohner erkennen keine unmittelbaren Vorteile für sich.

Fast wie in Vnà.