Acht Millionen Franken. So viel darf die Glückskette verteilen. Nicht an Erdbebenopfer oder Bürgerkriegsflüchtlinge auf fernen Kontinenten, wie sie das sonst tut, nein, diesmal unterstützt sie damit Schweizerinnen und Schweizer. Mit den Millionen sollen die Opfer von staatlichen Zwangsmaßnahmen entschädigt werden: Zwangssterilisierte, psychiatrisch Verwahrte, unschuldig Inhaftierte, Verdingkinder. Zumindest jene unter ihnen, die sich in einer finanziellen Notlage befinden.

Dafür wurde ein sogenannter Soforthilfefonds geschaffen, der von Sommer an bereitstehen soll. Der Geldtopf ist ein erstes Resultat des runden Tischs für die Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmaßnahmen, den das Bundesamt für Justitz im vergangenen Jahr schuf.

Heute leben noch mehrere Zehntausend Opfer staatlicher Maßnahmen in der Schweiz. Diese Menschen drängen zu Recht auf eine Aufarbeitung dieses dunkelsten Kapitels der jüngeren Schweizer Geschichte.

Doch wird mit den nun gesprochenen Millionen das bis in die achtziger Jahre behördlich verordnete und amtlich vollstreckte Unrecht gesühnt?

Nicht für Guido Fluri. Er wuchs selber in einem Heim auf und gelangte als Unternehmer und Retter der "Miss-Schweiz-Wahlen" zu kleinerer Berühmtheit. Seine Stiftung Guido Fluri prüft eine Volksinitiative, die eine "umfassende Wiedergutmachung und Aufarbeitung eines der dunkelsten Kapitel der Schweizer Geschichte" verlangt. Dazu gehören auch Entschädigungszahlungen für alle Opfer von Zwangsmaßnahmen, "denen schweres Leid zugefügt wurde". Eine Million Franken liegen für die Lancierung des Volksbegehrens bereit.

Mit seiner Initiative hält der umtriebige Fluri ein mächtiges Druckmittel in Händen. Dass es diesen Druck braucht, ist für ihn klar. Denn die Zeit drängt. "Viele Opfer sind bejahrt und können nicht mehr lange auf eine Wiedergutmachung warten", sagte der Unternehmer neulich gegenüber der Zeitschrift Beobachter.

Ob eine Volksinitiative der richtige Weg ist, um die Frage nach Schuld und Sühne einer Gesellschaft zu klären, sei dahingestellt. Eigentlich sollten Gerichte über frühere Verfehlungen eines Staats und seiner Angestellten urteilen. Doch die meisten Fälle sind bereits verjährt. Und die Frage, die uns Guido Fluri mit seinem Begehren stellt, ist zu groß, um sie nicht in aller Öffentlichkeit zu diskutieren: Wie viele Franken ist uns die Schuld unserer Großväter wert?