Wenn ich träume, wird es in meiner Nähe gefährlich: Ich rede, schreie und rudere dann gerne wild mit den Armen. Wenn jemand neben mir liegt, kann es passieren, dass ich nach ihm greife und ihn vielleicht sogar schlage. Das ist auch für mich anstrengend, ich wache dann schweißüberströmt auf. Als Kind bin ich oft mitten in der Nacht weinend aufgewacht. In wiederkehrenden Träumen jagten mich irgendwelche gruseligen Gestalten durch die Nacht. Oder ich wurde von einer unheimlichen Alten, die mich an eine meiner Verwandten erinnerte, in einem gelben Backsteinhaus gefangen gehalten. Solche Träume habe ich zum Glück nicht mehr – anstrengend sind meine Nächte allerdings immer noch.

Was ich an Träumen mag, ist ihre visuelle Kraft, Bilder haben mich schon immer sehr beeindruckt. Heute nutze ich meine Träume als Quelle für meine Videos. Der Clip zu meiner neuen Single ist die Umsetzung eines Traums, den ich vor einigen Monaten hatte. Da treten behelmte Motorradfahrer zu Duellen an, wie Ritter auf Pferden. Statt mit Lanzen sind sie mit Baseballschlägern bewaffnet, und es sieht alles sehr apokalyptisch aus.

Früher habe ich viel geschrieben, am liebsten Kurzgeschichten. Aber das bekomme ich heute leider nicht mehr hin. Es ist sehr viel schwieriger, eine Kurzgeschichte zu verfassen als einen Popsong. Ich habe mich also für die bequemere Kunstform entschieden. Ich werde auf jeden Fall eher durch meine Popsongs ernst genommen werden als durch irgendeine Art von Literatur. Es wird ja viel Wirbel darum gemacht, dass ich noch so jung bin. Das erstaunt mich, aber weil es mir diese ganze Aufmerksamkeit gebracht hat, kann ich gut damit leben. Und da ich Texte darüber schreibe, wie es sich anfühlt, ein Teenager zu sein, ist es natürlich ganz hilfreich, wenn die Hörer wissen, dass ich mich in ihrer Welt tatsächlich gut auskenne.

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Sich als junge Frau im Musikbusiness zu behaupten ist ganz schön schwer. Die Klischees, wie eine Frau in der Popmusik aufzutreten hat, sind auch in diesem Jahrtausend noch ein Albtraum. Ich begegne immer wieder Menschen, die ganz klare Vorstellungen davon haben, wie junge Frauen auszusehen haben und was sie anziehen sollten. In solche Klischees passe ich leider nicht hinein. Das wird mir immer wieder klar, wenn ich bei einer Fotosession zu hören bekomme, ich solle mich mal "sexy" in Pose werfen oder "verführerisch" dreinschauen. Was für ein Quatsch. Jede Wette, dass männliche Musiker sich solchen Schwachsinn nicht anhören müssen. Aber ich bin ziemlich gut darin, Nein zu sagen – was mich sicher für manche Menschen zu einem Albtraum macht. Es ist wichtig, Abstand zu halten. Ich google mich deshalb auch schon lange nicht mehr, ich würde sonst durchdrehen. Es gibt so viele bösartige Menschen, und ich sehe keinen Grund, lesen zu müssen, was die über mich schreiben. Das, was wir Realität nennen, ist eine ziemlich merkwürdige Angelegenheit. Aber ich habe ganz gut gelernt, mich in ihr zu behaupten. Und mit meinen wilden Träumen klarzukommen.

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