Sprechen wir also über Erwartungen. Auch früher gab es Erwartungen an Väter und Mütter, aber sie waren klarer und eindeutiger, weil es auch klare und eindeutige Rollen gab. Heute dagegen gibt es unendlich viele Erwartungen, weil es unendlich viele Möglichkeiten gibt, eine gute Mutter und ein guter Vater zu sein, und deswegen scheint es das Beste zu sein, einfach alle Erwartungen zu erfüllen.

Also will man der liebevollste Vater überhaupt sein; der Vater, der immer Zeit zum Spielen hat; der die tollsten Sachen mit Lego baut; ein Vater, der nie schimpft und schreit und niemals ärgerlich ist. Dann will man der beste Ehemann von allen sein, der immer zuhört; der natürlich weiß, wie man die Waschmaschine und den Trockner füllt, und der das auch macht und auch die Hemden selber bügelt; man will wunderbar kochen und morgens den schönsten Frühstückstisch überhaupt decken können. Man will ein sensationeller Liebhaber sein und gleichzeitig eine starke Schulter zum Ausweinen haben; sensibel und erfolgreich sein.

Und natürlich gilt das alles auch spiegelbildlich: Wir wollen Frauen, die tolle Mütter sind, erfolgreich im Beruf und kulturell interessiert. Dass sie manchmal müde sind und abgespannt und keine Topmodelhaut haben, geschenkt. Wir verlangen ja nichts Unmögliches. Wir wollen ihren Rat, Gespräche auf Augenhöhe, wollen an den Kabalen in ihren Agenturen, ihren Büros genauso teilhaben wie umgekehrt. Wir wollen ihnen Freiräume für ihre Karriere schaffen, wollen ihnen den Rücken stärken, wenn es bei ihnen im Job brennt.

Und dann? Hat man schon wieder keine Zeit, wenn die Kinder spielen wollen; liegt die schmutzige Wäsche herum; musste die Partnerin doch wieder einen Babysitter organisieren, weil man ausgerechnet an dem Abend, an dem sie überraschend in ein Meeting musste, noch ein wichtiges Hintergrundgespräch hatte; war das Frühstück ein Reinfall, weil man nicht zugehört hatte, als die Ehefrau sagte, dass man den Namen ihrer Chefin schon wieder verwechselt habe. Und das mit dem Sex ... ach, lassen wir das.

Das Bedrückende daran ist nicht nur der gewaltige Stress, den all das verursacht. Viel bedrückender ist, dass man vor lauter Erschöpfung die Sprache verliert: dass man nicht einmal mit der Partnerin oder dem Partner über all das reden kann, obwohl man natürlich ahnt, eigentlich sogar weiß, dass es dem anderen genauso geht. Aber es gibt sie einfach kaum mehr, die Momente der Zweisamkeit und, vor allem, der Gelassenheit. Denn wann soll man sich gegenseitig erzählen, was einen so beschäftigt? Wann soll man zuhören, Rat geben, miteinander abwägen und sich stützen? Wann lässt man sich wirklich noch ganz aufeinander ein – ohne Ablenkung von außen? Ohne dass im eigenen Kopf ein Sturm von Gedanken tobt, über den Tag, über den Job, über das schlechte Gewissen und die Ausreden, die man sich zurechtlegt, weil man wieder nicht geschafft hat, was man unbedingt schaffen wollte?

Es gibt auch niemanden, den wir um Rat fragen können. Unsere Eltern nicht, weil sie diese Situation nie erlebt haben, es war anders bei ihnen, alles begann gerade erst, sich zu verändern, und es war noch nicht so durcheinandergeschüttelt wie heute. Wir sind Pioniere, die erste Generation, die tatsächlich versucht, Gleichberechtigung zu leben. "Was gehen mich die Kinder an, ich mach Karriere!" – das ist für uns keine denkbare Haltung mehr.

Wir können auch schlecht mit unseren Chefs reden, selbst wenn sie mindestens so grau und abgearbeitet aussehen wie wir. Sie haben ein noch brachialeres Pensum.

Und wir können keine anderen Eltern fragen, denn meistens will man bei einem gemeinsamen Essen mit Freunden eben nicht wieder nur über Kinder oder den Job sprechen, sondern auch mal über etwas anderes – und damit entsteht die Illusion, dass es bei den anderen doch alles ganz gut klappt und nur bei einem selbst nicht. Nur ganz selten, wenn es sehr spät geworden ist und die Kinder im Bett sind und wenn schon sehr viel Rotwein getrunken wurde, dann bricht es aus allen heraus.

Dann erzählt die Kollegin, dass sie am Wochenende nur heimlich simst, um Kinder und Partner nicht zu verärgern; ganz so, als habe sie eine Affäre.

Dann erzählt das befreundete Paar, beide Vollzeit, drei Kinder aus zwei Beziehungen, wie ihnen der Sohn ins Gesicht schrie: "So wie ihr will ich nicht leben!"

Dann gibt es Geschichten über Schlafmangel und Migräne und Bandscheibenvorfälle.

Dann erfährt man, dass es keine Familie gibt, die nicht fast permanent am Rande des Wahnsinns operiert.

In einem schönen, melancholischen Essay in der Literarischen Welt hat die Schriftstellerin Julia Franck gerade notiert, Schreiben und Kinder seien im Grunde unvereinbar. "Wenn ich schreibe, kann ich nicht mit meinen Kindern sein, und wenn ich mit meinen Kindern bin, kann ich nicht schreiben. Dieser Zwiespalt erzeugt eine enorm hohe Spannung, weil ich in beidem voller Hingabe lebe, beides ist Hingabe und Liebe." Und sie resümiert: "Man erlebt das Leben als ständiges Scheitern."

Wir sind keine Schriftsteller, nur Journalisten. Aber diese Spannung, die kennen wir auch. Und das Gefühl des Scheiterns. Alle kennen das, Väter wie Mütter.

Eigentlich müsste man eine perfekte Persönlichkeitsspaltung hinbekommen, um uneingeschränkt in beiden Sphären leben zu können. Ein wenig schizophren ist es ja auch, wenn wir auf dem Kinderzimmerboden liegen, mit Rennautos spielen und dabei aufs iPad schauen. Aber vielleicht sind wir einfach nicht schizophren genug?

Oder sind wir bloß Weicheier, Heulsusen? Überfordert von den eigenen Ambitionen? Kinder zu haben war ja nie leicht. Früher starben viele Säuglinge, herrschte Hunger, Kriege verheerten das Land. Es gab existenzielle Sorgen und Nöte, neben denen sich unsere Befindlichkeiten heute marginal ausnehmen. Und mal ehrlich: Wir sind wohlhabende Mittelschichtseltern. Wir brauchen keine zwei oder drei Jobs gleichzeitig, damit wir überhaupt über die Runden kommen, so wie manch andere Eltern in diesem Land. Wir haben keine Überlebenssorgen.