Morgens ist noch Ruhe auf dem Platz. Nur ein paar Jungs kicken vor dem Lastwagen, Möwen kreisen am Himmel. Holger Beier macht erst mal die Musik an. Jetzt geht’s ab, singen die Fantastischen Vier, und vielleicht ist das ein gutes Omen für den Tag in Salvador. Beier steht auf der Bühne des Trucks, eine Sonderanfertigung, ein 15 Meter langer Anhänger mit Computern und Bibliothek, ein Ort für Konzerte und Filmvorführungen. Beier sagt: "Wir wollen deutsche Kultur dort zeigen, wo sie sonst nicht hinkommt." Vor ihm steht der alte Palast von Salvador da Bahia, links davon, in Bronze gegossen, Stadtgründer Thomé de Souza. Und wenn Beier nach rechts blickt, sieht er den Elevador Lacerda, den Fahrstuhl, der seit 1874 die Altstadt mit dem Hafen verbindet. Über ihm steht, in großen Buchstaben: "Kulturtour Alemanha – Brasil".

Brasilien feiert das Deutschlandjahr, und das Goethe-Institut aus São Paulo schickt die Kultur im bunt bemalten Lastwagen auf Reisen: von den Brüdern Grimm über Kunstinstallationen hin zu hausgemachtem Hip-Hop. Einmal durch Brasilien, durch 17 Städte. Von Florianópolis im Süden nach Belém im Norden. 12 462 Kilometer.

Fünf Tage bleiben pro Stadt, um die Dinge zu erklären. Deutschland, seine Kultur, seine Menschen. Dabei, sagt Tourleiter, Eventmanager und Musikproduzent Holger Beier, gehe es gar nicht so sehr ums Erklären. Eher darum, etwas zu lernen. Gegenseitig, voneinander. "Wir sind ja kein deutsches Raumschiff, das hier gelandet ist."

Es ist der 43. Tag der Kulturtour, der dritte in Salvador. In der Ferne ziehen Boote weiße Striche durchs Meer. Kurz nach 10 Uhr drängt eine Gruppe Schüler in den Truck, "mal schauen, was es hier so gibt". Einige durchstöbern die Bibliothek, andere setzen sich vor die vier Bildschirme und gucken Filme, die Kinder für Kinder gedreht haben. Ein Glöckchen klingelt, die Kulturtour startet die erste Lesung des Tages. Bibliothekarin Adriana Petroni verwandelt sich in eine Prinzessin. Eine Krone im Haar, erzählt sie das Märchen Maus und Katze in Gesellschaft der Brüder Grimm. Mal piepst sie wie eine Maus, mal faucht sie wie eine Katze. Gebannt lauschen die Jugendlichen, 13 Jahre alt, manchmal lachen sie, einige rufen dazwischen, kleine Witze. "Grimms Märchen kennt man in Brasilien, doch nur die berühmten", sagt hinterher Adriana, selbst Brasilianerin. "Dabei gibt es viel mehr zu entdecken."

Sinn dieser Reise sei es auch, sagt sie, dass "wir die Leute für Bücher begeistern", wovon Brasilianer laut Statistik lediglich zwei, drei im Jahr lesen, Lehrwerke eingerechnet. So gesehen, wären ein paar mehr Schüler natürlich willkommen. Viele können aber nicht, weil den Schulen das Geld für einen Bus hierher fehlt. "Seid ihr nächste Woche auch noch da?", fragt eine Frau, deren Tochter nun bei Adriana auf dem Schoß sitzt, ein Bilderbuch in der Hand. Fünf Jahre sei das Mädchen alt, sagt die Mutter, und in Bücher schaue ihre Kleine normalerweise nicht.

Vom Platz dringt der unablässige Ruf der Straßenhändler herüber: "Wasser!", "Eis!".

Unterm Sonnenschirm werkelt derweil Markus Henning alias Beatbox Eliot, der Münchner Musiker, Graffitikünstler und Comiczeichner. Gerne, sagt er, würde er etwas schaffen, das beide Kulturen verbinde. Er verstehe diese Tour vor allem als Begegnung. "Auch wenn ich mich im Moment noch wie auf einer Insel fühle", sagt er. Seine Idee: ein Wörterbuch. Ein Bild, das alles erklärt, mit einem portugiesischen Wort und seiner deutschen Übersetzung. Mit dem Teppichmesser hat Henning Vorlagen aus Pappe geschnitten für Brot, Eis und Flip-Flops. Bier will er später machen. Jetzt ist die Wurst dran. Henning setzt seine Schutzmaske auf und sprüht Farbe auf. Orange und schwarz. Darunter: Salsicha, Wurst. Die Bilder kann jeder mitnehmen, ein Geschenk für Passanten. Ein deutsches Wort für zu Hause. Auch ein paar Straßenkinder schnappen sich die Kunstwerke. Ein wenig später weht der Wind eins der Bilder über den Platz.

Unweit des Wagens, im Schatten des Palasts, proben Jungs und Mädchen ein Theaterstück. Sie sind Teilnehmer des Kulturtour-Workshops. Drei Nachmittage haben sie geprobt, sagt Katarina Schröter, jeweils vier Stunden. Schröter ist Regisseurin und Schauspielerin, sie hat das Stück mit brasilianischen Schülerinnen und Schülern des Colégio Anchieta geschrieben, 14 bis 18 Jahre alt, ein paar von ihnen lernen Deutsch.

"Wir wollten wissen, was die Kids bewegt", sagt sie. "Was sie denken, was sie fühlen." Es ist dann, sagt Schröter, eher eine Performance geworden, keine Geschichte. Ein kurzes Stück über Träume und Wünsche, über Brasilien und Deutschland, über Echtes und Klischees.

Also stehen die zwölf auf dem Platz und erzählen. Einer hebt den Arm und sagt: "Früher wollte ich immer auswandern, aber jetzt denke ich, dass sich die Dinge hier verändern. Dass es keine Gewalt gibt, keine Überfälle." Kopfnicken der anderen. Passanten bleiben stehen. Ein Junge kickt mit seinem Fußball um die Schauspieltruppe herum. Eine Schülerin fragt: "Wer von euch wurde schon einmal überfallen?" Einige heben die Hand.

Als das Stück gespielt ist, nach dem Applaus, sagt eine Zuschauerin, so etwas müsste es öfters geben. Manchen Eltern hat das Stück nicht gefallen. Es war ihnen zu kritisch. Zu politisch. Auch das ist Kulturaustausch. Ein Experiment, das Gemeinsames zu Tage fördert – oder eben Gegensätze.

Als die Mondsichel am Himmel hängt, schimmert der Platz im Licht der Leinwand. An vier von fünf Kulturtour-Tagen ist Kinoabend. Das Wunder von Bern läuft, der Film über die Fußballweltmeisterschaft von 1954. Wenige Zuschauer sitzen noch davor, und Holger Beier steht einige Meter abseits. Er sei zufrieden, sagt er. Morgen um diese Zeit würden DJs auflegen. Das wäre ein guter Abschied von Salvador, bevor es weitergeht nach Recife. Und wie ein Vorbote rollt jetzt ein Auto vorüber und pumpt Baile Funk, den brasilianischen Hip-Hop, in die laue Nacht. Dazwischen brüllt es vom Lastwagen: "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen." Und dann: "Tooooor! Tooooor! Tooooor!" Deutschland in Brasilien.