Da sitzt der Präsident des mit 19 Millionen Mitgliedern größten und – bis vor Kurzem – einflussreichsten deutschen Vereins bei Günther Jauch im Fernsehstudio und übt sich in Demut. Peter Meyer, im Hauptberuf Speditionsunternehmer und als ehrenamtlicher Funktionär viele Jahre unangefochtener Cheflenker des ADAC, räumt Versäumnisse und Fehler im Verein und seinen angegliederten Wirtschaftsdiensten ein: Er weiß noch nicht genau, wie krass die Wahlen zum "Lieblingsauto der Deutschen" manipuliert wurden, er muss zugeben, dass die "ADAC Pannenstatistik" nicht repräsentativ ist. Er gibt zu, dass die Basis vor massiven Lobbyeinsätzen wie jenen gegen das Tempolimit auf Autobahnen oder die Null-Promille-Grenze nicht befragt wurde. Er muss sich für Flüge von Funktionären (sich selbst eingeschlossen) in Rettungshubschraubern schämen und dafür, dass sogar die Gelben Engel dazu getrieben wurden, mit ihrem Auto liegen gebliebenen Mitgliedern eine neue Batterie anzudrehen.

Ehemalige Mitarbeiter werfen den Funktionären "Gier" und die Verquickung privater Interessen mit ihren Ämtern vor. Täglich kommen neue Ungereimtheiten hinzu. Schon führt der ADAC selbst 15.000 Austritte in den ersten Skandalwochen auf die aktuellen Entwicklungen zurück.

So mancher Vorwurf mag übertrieben oder ein bedauerlicher Einzelfall sein. Und Millionen Mitglieder wollen sicher auch in Zukunft den Pannendienst oder die Luftretter nicht missen. Aber eines wird immer klarer: Die in 111 Jahren seit der Gründung gewachsene Struktur des ADAC passt nicht mehr zu seinen Ansprüchen.

Der Club, der 2012 mehr als eine Milliarde Euro an Mitgliedsbeiträgen einnahm und eine weitere Milliarde mit seinen angehängten Wirtschaftsdiensten (Versicherungen, Verlag, Tests, Reisen) umsetzte, wird im Prinzip noch immer wie ein Verein von Hobbyrennfahrern geführt.

Das intransparente Gebilde ist längst zum Konzern geworden, nennt sich aber immer noch Automobilclub. Es fehlt durchgängig an einer sauberen Trennung zwischen dem direkten Dienst am Mitglied und kommerziellen Geschäften. Die ehrenamtlichen Funktionäre – ein paar Dutzend, wenn man die 18 Regionalclubs (Gaue!) hinzunimmt – sind offenkundig mit der Kontrolle überfordert.

Es passt nicht zusammen, wenn der Club Fähren testet und parallel Fährtickets vertreibt. Es passt nicht, wenn er die Ölmultis kritisiert und zweien davon (Shell, Agip) via Mitglieder-Tankrabatt Kunden verschafft. Es ist irreführend, wenn der Club in seiner Pannenstatistik die Hilfseinsätze auslässt, die seine Gelben Engel im Auftrag bestimmter Autohersteller mit Mobilitätsgarantien absolvieren. Und es ist ein Anachronismus, wenn die Funktionäre nur von wenigen Hundert in den lokalen Clubs aktiven Mitgliedern gewählt werden und sich trotzdem als Sprachrohr von Millionen Mitgliedern ausgeben, die eigentlich nur eine verlässliche Pannenhilfe wollen.

Das achtköpfige Präsidium um Peter Meyer lässt jetzt eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft die Wahlmanipulationen untersuchen. Die Berater sollen auch Änderungsvorschläge für die Organisation machen. Aber kleine Reformen werden nicht genügen, eine regelrechte Revolution scheint nötig. Nur wenn sauber zwischen Verein und Geschäften getrennt wird, wenn Manager und Funktionäre sich klaren Verhaltensregeln unterwerfen müssen, wenn professionelle Kontrollinstanzen installiert sind, dann kann der Club wieder Vertrauen aufbauen.

Der ADAC steht vor der Entscheidung, ob er künftig Anwalt seiner Mitglieder oder ein prosperierender Wirtschaftskonzern sein will. Ob er Produkte und Dienste für seine Mitglieder testet und bewertet oder ob er diese selbst zwecks Gewinnerzielung verkauft. Beides zusammen führt unausweichlich zu Interessenskonflikten.

Meyer und Co. haben es bislang abgelehnt, zurückzutreten. Sie wollen den Reformprozess selbst anschieben. Das sollte dann aber ihre letzte Großtat sein. Wenn sie bei der angekündigten außerordentlichen Hauptversammlung ihre Ämter an frische, unbelastete Männer und Frauen abgeben, dann wäre das ein Signal für einen wirklichen Neuanfang.