Eine Bundesministerin sollte nicht wie ein Kaktus aussehen, sagt Andrea Nahles. Eine Verkleidung als Sarotti-Mohr ginge schon gar nicht, und das Clown-Kostüm wäre auch nicht ideal. Ende des Monats wird die neue Bundesministerin für Arbeit und Soziales daher vermutlich falsche rote Zöpfe und ein geringeltes T-Shirt tragen, wenn sie mit ihren Bonner Ministerialbeamten Weiberfastnacht feiert. "Pippi Langstrumpf, das wär doch was", sagt Nahles und lacht. "Das wär doch ’ne Supergeste." Ihre Mutter näht jedes Jahr verschiedene Kostüme, Astrid Lindgrens Heldin gehört zu ihrem Repertoire.

Die Ministerin sitzt an einem runden Tisch in ihrem neuen Büro, es ist dunkel draußen, die meisten Beamten sind längst nach Hause gegangen. Eben war Justizminister Heiko Maas da, es ging um gemeinsame Gesetze und um die ersten Wochen in Berlin. Maas übernachte wie sie selbst vorläufig noch in einem kleinen Kämmerlein neben dem Büro, erzählt Nahles. Hinter ihrem Schreibtisch hat sie ein großflächiges Ölgemälde aufhängen lassen, es heißt Das große Rot. "Wir richten uns ja alle erst noch ein", sagt Nahles. In ihrem Fall ist das allerdings reine Koketterie. Kein anderer Sozialdemokrat hat sich so schnell und konsequent vom Oppositions- in den Ministermodus gebeamt wie sie.

Zu laut, zu schrill, zu nervig, so klangen viele Berichte über Andrea Nahles während ihrer vier Jahre als Generalsekretärin. Bis zur Bundestagswahl verkörperte die Generalsekretärin eine SPD, die nicht mit sich im Reinen war, bei der vor allem im Wahlkampf nichts zusammenzupassen schien.

Als sie kurz vor der Wahl in einer Bundestagsrede ein Pippi-Langstrumpf-Lied trällerte, regten sich darüber auch viele Sozialdemokraten auf. Dabei ging es gar nicht so sehr um die kleine Gesangseinlage, die sich seitdem über eine Million Menschen auf YouTube angeschaut haben. Es ging darum, dass Nahles älter zu werden schien, aber nicht reifer. Ihre Zeit als Juso-Chefin, als Sprecherin der Linken und Agenda-Kritikerin war lange vorüber. Nahles, so schien es, sprach trotzdem einfach weiter wie früher.

Das ist vorbei. Plötzlich repräsentiert die 43-jährige Nahles eine Partei, der alles zu gelingen scheint. Als sie vergangene Woche ihre Rentenreform vorstellte, das erste große Projekt der Bundesregierung, erntete sie zwar viel Kritik in der Sache – aber auch großes Lob für ihre Arbeit als Ministerin. Andrea Nahles sei in ihrer neuen Rolle angekommen, heißt es allenthalben. Die Union ist begeistert, weil die neue Ministerin sich hinter das teuerste Projekt von CDU und CSU stellt, die Mütterrente, und überdies im persönlichen Gespräch viel zugänglicher sei als erwartet.

Dass es plötzlich so viele Nahles-Fans gibt, liegt auch daran, dass sie momentan so viele Antrittsbesuche macht. Sie gehört zu den Politikern, die aus der Nähe überzeugender wirken als aus der Ferne. Je kleiner das Publikum, desto gewinnender ist sie.

Als Nahles kürzlich die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände besuchte, sicherheitshalber gleich mit zwei Staatssekretären an der Seite, wurde sie skeptisch begrüßt, aber trotz ihrer teuren Reformvorhaben begeistert verabschiedet. Inzwischen laufen dort Wetten, wann Nahles SPD-Kanzlerkandidatin wird – 2021 oder erst später? Aber auch die Nahles-Kritiker in der SPD – davon gibt es einige – reden netter über sie als früher. Bei ihnen klingt es, als habe die neue Ministerin endlich ihre Pubertät hinter sich.

Die SPD will beweisen, dass sie regieren kann, dafür war der schnelle Start von Nahles wichtig. Viele Genossen sehen ihr Ministerium als eine Art Herzkammer der Sozialdemokratie, nirgendwo sonst können sie die ihnen eigene Kombination aus Gerechtigkeitssinn und Technokratentum so ausleben wie hier. Noch nie hat die SPD im Bund oder in einem Land regiert, ohne die Zuständigkeit für Soziales zu reklamieren. Für Sozialversicherungen verantwortlich zu sein, sei ein bisschen wie die Raumfahrtmission von Apollo 11, sagt Olaf Scholz, Hamburgs Erster Bürgermeister und vor acht Jahren selbst Bundesarbeitsminister. Kleine technische Fehler hätten manchmal verheerende Folgen: "Wenn man sich nur ein bisschen verrechnet, landet man nicht auf dem Mond, sondern auf dem Mars."