Es ist ein kalter Januarabend in Berlin, der Boden von Schnee und Eis überzogen. Annette Schavan zieht ihren Wintermantel fester um sich und betritt die Gedächtniskirche. Wie selbstverständlich erklimmt sie, die sich als "christliche Katholikin" bezeichnet, die Kanzel des protestantischen Gotteshauses. Mit fester Stimme predigt sie dann über das Gleichnis Jesu von den "anvertrauten Talenten". Es steht im Matthäus-Evangelium und handelt vom Fleiß, von Belohnung und davon, dass die Menschen alle Gaben, die sie von Gott erhalten haben, nach Kräften nutzen sollen.

Ob sie dabei auch an sich selbst gedacht hat? Annette Schavan, Bundestagsabgeordnete der CDU für den Wahlkreis Ulm und ehemalige Bundesbildungsministerin, hat ihr politisches Talent jedenfalls genutzt. Als Ministerin gelang es ihr, den Wissenschaftsetat nahezu zu verdoppeln, sie hatte sich einen festen Platz in der Partei erkämpft, für Kanzlerin Angela Merkel war sie eine Vertraute. Und war stets geschickt darin, Beziehungen in Kirche und Partei zu nutzen.

Im Sommer soll Schavan nun deutsche Botschafterin im Vatikan werden – als erste Frau auf diesem Posten. Für sie ist das ein Traumjob und "der Beginn einer neuen Lebensphase". Zugleich schließt sich damit für sie ein Kreis. Bevor Schavan in die Politik ging, arbeitete sie in der katholischen Kirche: im Generalvikariat in Aachen, im bischöflichen Begabtenförderwerk Cusanus, im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Sie ist mit dem katholischen Machtapparat vertraut, war schon mehrfach im Vatikan. Sowohl Papst Johannes Paul II. als auch Papst Benedikt XVI. hat sie persönlich getroffen. Annette Schavan ist eine fromme Frau. Manch einer rückt sie geistig in die Nähe der erzkonservativen Organisation Opus Dei, was Unsinn ist.

Als alleinstehende, kinderlose Frau, die nicht in einem Kloster lebt, war es für Annette Schavan lange nicht einfach, in der Kirche überhaupt akzeptiert zu werden. Manche finden es bis heute suspekt, dass sie nicht verheiratet ist. Und nicht immer vertritt sie Rom-kompatible Ansichten, beispielsweise über die Forschung an embryonalen Stammzellen, die sie in engen Grenzen befürwortet, oder über die Rolle der Frau, über die Ökumene. Wie frei sie darüber denkt, lässt sich auch beim Abendmahlsgottesdienst in der Gedächtniskirche beobachten, wo sich Schavan, ohne zu zögern, in den Kreis der Protestanten stellt, um Brot und Wein zu empfangen – von einer evangelischen Pastorin.

Vielleicht ist sie als Botschafterin sogar eine gute Wahl

Während eines Treffens Ende Januar in Berlin wirkt sie aufgekratzt. Sie spricht von einer neuen Aufgabe, auf die sie sich sehr freue. Der Wechsel nach Rom beflügelt sie. Es ist schon die richtige Zeit, um im Vatikan zu sein. Papst Franziskus ist dabei, die katholische Kirche umzukrempeln, in Rom wird neuerdings wieder viel diskutiert, über Reichtum und über Sexualität. Eine schwierige Zeit ist es auch: Weltweit nimmt religiöses Eiferertum, nehmen religiöse Konflikte zu. Annette Schavan spricht vom "Dialog der Religionen" und klingt auf einmal sehr diplomatisch.

Botschafter beim Heiligen Stuhl, so lautet der offizielle Titel, ist in der diplomatischen Hierarchie kein besonders wichtiger Posten. Der Vatikanstaat spielt in der Außenpolitik eine untergeordnete Rolle. Die Vorgänger Schavans sind nicht weiter aufgefallen. Für einen war es eher ein Entsorgungsposten: Der nach seiner umstrittenen Rede als Bundestagspräsident zurückgetretene CDU-Politiker Philipp Jenninger wurde gen Süden abgeschoben.

Wie Jenninger musste auch Schavan erst weggehen, um den Weg nach Rom antreten zu können: Vor einem Jahr trat sie als Bundesbildungsministerin zurück, ihr wurde vorgeworfen, in ihrer Doktorarbeit plagiiert zu haben. Es verstrich eine Schamfrist – doch nun wurde auch für sie eine Anschlussverwendung gefunden. Vielleicht ist Schavan als Botschafterin im Vatikan sogar eine gute Wahl. Die studierte Theologin kann diplomatisch sein, ohne die Diplomatie gelernt zu haben. Freunde sagen, sie könne aus aufgeblasenen Dingen schnell die Luft rauslassen. Andere sagen, sie sei eine beinharte Machtpolitikerin. Jedenfalls hat sie sich über viele Jahre durch den deutschen Bildungsföderalismus navigiert, das ist zumindest ein Ausweis politischer Kunst.