In der Sowjetunion waren Radio-Eriwan-Witze beliebt. Der folgende veranschaulicht das Schema. Anfrage an Radio Eriwan: Stimmt es, dass der Genosse Leonid Breschnew in einer Lotterie in Moskau ein Auto gewonnen hat? Antwort: Im Prinzip ja. Freilich nicht in Moskau, sondern in Leningrad, und es war nicht der Genosse Breschnew, sondern der Oberlehrer Iljin. Es war auch keine Lotterie, sondern ein Elternabend. Es war auch kein Auto, sondern ein Fahrrad. Und er hat es nicht gewonnen, es wurde ihm gestohlen.

Wahrheit ist eben relativ.

Jüngste Erkenntnisse der Archäologie legen folgende Frage an Radio Eriwan nahe: Stimmt es, dass Abraham in Ägypten vom Pharao "Schafe, Rinder, Esel, Knechte und Mägde, Eselinnen und Kamele" geschenkt bekam, wie es in 1. Mose 12,16 heißt?

Antwort: Im Prinzip ja. Es trug sich allerdings nicht in Ägypten, sondern am Golf von Aqaba zu. Es handelte sich auch nicht um Abraham, sondern um namenlose Juden. Sie lebten auch nicht in abrahamitischer Zeit, also vor etwa 4.000 Jahren, sondern viele Jahrhunderte später. Sie hatten es zudem nicht mit Pharaonen, sondern mit ägyptischen Militärs zu tun, die ihr Land eroberten – auf dem Rücken von Kamelen.

Das ergibt sich aus den Arbeiten von Archäologen der Universität von Tel Aviv. Sie hatten in der Nähe von Aqaba ausgegrabene Knochen domestizierter Kamele untersucht und kamen zu dem Ergebnis, dass die Tiere nicht vor dem 9. Jahrhundert vor Christus gelebt haben können. Ältere Funde stammten von nutzlosen Wildtieren.

Viele Geschichten aus dem Alten Testament, die von domestizierten Kamelen handeln, müssen also Jahrhunderte nach den Ereignissen geschrieben worden sein. Etwa die vom Genozid an den Amalekitern: Laut 1. Samuel 15,3 befahl Gott dem König Saul: "So zieh nun hin und schlag Amalek und vollstrecke den Bann an ihm und an allem, was es hat; verschone sie nicht, sondern töte Mann und Frau, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel." Es wäre eine unlösbare Aufgabe für Saul gewesen, wegen der Kamele.

Bibeltreue braucht das nicht zu erschüttern. Die Theologie kennt heutzutage 1001 Methoden, die Schrift nicht wörtlich zu nehmen und doch an sie zu glauben. Und die Kamele? Sie grinsen. Warum sie das tun, weiß eine arabische Legende: Der Mensch kennt die 99 Namen Allahs, doch nur das Kamel kennt den hundertsten.