So schön kann Katastrophe sein: Am Sonntag waren gleich mehrere zehntausend Menschen gekommen, um Vernichtung und Gewalt zu spüren. Sie wollten dabei sein, als der hohe Turm, der eben noch in den stillen Frankfurter Himmel ragte, zerbarst und fiel Es war eine Szene wie im Krieg, nur eben im Frieden. Ein Moment des beherrschten Schreckens. Und auch nachdem der Bau längst träge, fast schwermütig kollabiert war, stand allen noch vor Augen: wie erhaben, wie machtvoll Architektur manchmal sein kann, auch noch im Untergang.


Erstaunlich jedenfalls, wie unbeirrbar all die Schaulustigen in der Kälte ausharrten. Zu Hause vor dem Fernseher wäre es gemütlicher gewesen, die besseren Bilder gab es dort auch zu sehen. Doch offenbar wollten die Menschen etwas anderes: wollten zugegen sein, wollten erleben, wie das ist, wenn die Luft erzittert, der Stahlbeton herabrauscht, der Boden bebt. Aufs Schönste bestätigten sie damit, was manche Bautheoretiker schon seit einiger Zeit vermuten: dass es mit visuellen Reizen einfach nicht mehr getan ist.

Was vermag Architektur? Wann berührt sie Menschen? Und wie gelingt ihr das? Es sind solche Grundsatzfragen, die neuerdings wieder umgewälzt werden. Und die nun sogar zur Ausstellung, genauer: zur Aufführung kommen, mitten in der vornehmen Royal Academy in London. Hier gibt es nicht die üblichen Grund- und Aufrisse zu sehen, keine Modelle und Fotografien. Wo Architekten sonst von Ratio schwärmen, von technischer Raffinesse und kühler Funktionalität, da wird es gefühlig: Atmosphäre ist wichtig! Empfindung! Intensität! Die Architektur will neu entdeckt sein: als eine Kunst, die alle Sinne reizt.

Zum Beispiel dieses seltsam zusammengenagelte Riesending: Es drängt hinauf bis unter die Decke der Ausstellungshalle und trägt doch auf seinen drei elefantenbeinartigen Säulen nichts weiter als einen schmächtigen Quader. Ansonsten riecht es gut, nach frisch gesägtem Holz, und das ist ja schon etwas. Nicht das Auge, die Nase merkt auf und fühlt sich angezogen. Unwillkürlich tritt man näher heran an das Ungetüm, entdeckt in den Säulen eine Treppenspindel, und bald schon knarrt es unter den eigenen Füßen – und man steckt mittendrin in der architektonischen Erfahrung.

Oben dann geht es hinaus auf ein Plateau, und der Augenmensch in uns will gleich den Ausblick genießen. Doch nichts da, Holzwände verstellen die Sicht. Denn nicht nach unten, nach oben soll der Blick sich richten, auf die kolossale Lichtdecke und die verspielten Ornamente, die Akanthusblätter, Eierstäbe, Klötzchenfriese. Hier schaut man Aug in Aug in Engelsgesichter. Dem einen platzt Farbe von der Nasenspitze.

All das wird in einen paar Monaten, wenn die Ausstellung zu Ende und das Plateau abgebaut ist, wieder zu einer Zone der Unsichtbarkeit. Kein Mensch nimmt bewusst Notiz von der Pracht. Der Besucher kommt ins Museum, um zu sehen, und bleibt doch blind. Was einerseits seltsam ist und andererseits zur architektonischen Normalerfahrung einfach dazu gehört: Man bemerkt sie nicht unbedingt.

Architektur ist eine Kunst des Hintergrunds, und wenn sie es nicht ist, wird es leicht anstrengend. Wer will sich das auf Dauer ansehen: Bauwerke, die wild herumfuchteln, Grimassen schneiden, ganz dringend beachtet werden wollen? Ein Haus ist ja immer dann gut, wenn man hineinschlüpfen kann wie in einen schönen, warmen Mantel. Erst wenn er verloren geht, weiß man, was man an ihm hatte.

So ein Vergleich mag manche Architekten kränken. Sie möchten gewürdigt, für ihre großartigen Entwürfe gefeiert werden. Und lange Zeit war es ja auch so: Ob sie nun Libeskind oder Calatrava heißen, immer erwartete man von ihnen, dass sie sich in den Vordergrund spielten. Vorige Woche erst wurde für den Alexanderplatz in Berlin ein solches Monument des Eigensinns in Auftrag gegeben, entworfen von Frank O. Gehry. Doch schon heute, ehe die Arbeiten überhaupt begonnen haben, sieht dieser Turm aus, als entstamme er einem verblichenen Vorgestern.