ZEITmagazin: Frau Herzsprung, welcher Film ist Ihnen richtig unter die Haut gegangen?

Hannah Herzsprung: Den ersten Film, der mich extrem beeindruckt hat, habe ich als Kind gesehen. Das war Léon – Der Profi von Luc Besson.

ZEITmagazin: Ein Actionthriller, in dem Jean Reno einen Mafiakiller spielt, der ein Mädchen rettet und ihr das Schießen beibringt. Sehr brutal und sehr romantisch.

Herzsprung: Ja, mit einer großartigen Natalie Portman. Ich bin ein großer Portman-Fan. Ich schaue mir fast alles von ihr an.

ZEITmagazin: Was gefällt Ihnen so an ihr?

Herzsprung: Bei jeder Rolle, die sie spielt, denke ich: Wow, das ist genau so, wie ich gerne spielen würde. Ich finde großartig, was sie macht und für welche Rollen sie sich entscheidet.

ZEITmagazin: Haben Sie Natalie Portman mal kennengelernt?

Herzsprung: Leider nein. Aber ich habe sie mal getroffen. Auf der Berlinale 2006 lief V wie Vendetta, in dem sie eine Hauptrolle spielte. Sie hatte damals abrasierte Haare, und ich hatte mir auch gerade die Haare abrasiert für den Film Das wahre Leben. So sind wir auf der Berlinale aneinander vorbeigelaufen, beide mit fast kahlem Kopf. Ich habe sie sofort erkannt, aber mich nicht getraut, sie anzusprechen.

ZEITmagazin: Würden Sie sich gerne mal mit ihr über die Schauspielerei unterhalten?

Herzsprung: Ich glaube, wenn ich sie träfe, würde ich sie lieber als Person kennenlernen. Aber ich bin leider sehr schüchtern, besonders bei Menschen, die mich so beeindrucken. Ich hatte aber das große Glück, Luc Besson, den Regisseur von Léon – Der Profi, kennenzulernen.

ZEITmagazin: Wie kam das?

Herzsprung: Vier Minuten, mein erster großer Film ...

ZEITmagazin: ... über eine junge Mörderin, die sich im Gefängnis über das Klavierspielen einen Weg zurück ins Leben erkämpft ...

Herzsprung: ... wurde 2006 auf dem Internationalen Filmfestival in Shanghai als bester Film ausgezeichnet. Luc Besson war Vorsitzender der Jury und hat den Film für das französische Kino entdeckt. Er hat ihn für den Verleih in Frankreich gekauft und dort rausgebracht. Das hat uns sehr geholfen – danach ist er dann auch in Deutschland groß gelaufen.

ZEITmagazin: Ihr großes Vorbild hat Sie also im Grunde gefördert?

Herzsprung: Ja, das war ein tolles Erlebnis damals.

ZEITmagazin: Auch Vier Minuten ist sehr intensiv, zum Teil brutal. Wie Natalie Portman in Léon – Der Profi spielen Sie eine junge Frau in einer Extremsituation. Harter Stoff für die erste große Kinorolle. Wie haben Sie das geschafft? Waren da Vorbilder wichtig?

Herzsprung: Chris Kraus, der Regisseur von Vier Minuten, hat mich sehr geprägt. Ich wollte schon immer Schauspielerin werden, aber vor dieser Rolle konnte ich noch nicht so ganz verstehen, was das wirklich bedeutet, auch weil ich keine klassische Schauspielausbildung absolviert habe, sondern immer mal wieder privat Unterricht genommen habe. Durch die Zusammenarbeit mit Chris Kraus habe ich zum ersten Mal gespürt, wie großartig dieser Beruf ist und wie sehr ich ihn liebe. Und ich habe während der Dreharbeiten auch unglaublich viel von Monica Bleibtreu gelernt, die die andere Hauptrolle spielte. Sie war wie eine Mentorin für mich. Jeden Abend habe ich mit ihr zusammengesessen und sie ausgequetscht.

ZEITmagazin: Sie spielten die Rolle der jungen Jenny von Loeben in Vier Minuten mit wahnsinniger Wucht, es gibt zum Beispiel eine Szene, da rennen Sie mit voller Kraft gegen eine Panzerglasscheibe. Wussten Sie, dass das in Ihnen steckt?

Herzsprung: Diese Wutausbrüche, diese Gewalt kannte ich so von mir gar nicht, da bin ich sehr an meine Grenzen gekommen. Gerade deshalb brauchte ich jemanden, der das von außen scharf beobachtet, weil ich teilweise gar nicht mehr wusste, was ich mache. Wenn ich spiele, denke ich nicht mehr. Wenn es nicht richtig läuft, zu viel oder zu wenig emotional, dann muss man sich danach noch mal zusammensetzen und darüber reden. Als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, war ich schon erschrocken, weil mir nicht bewusst war, dass das so intensiv wirkt, was ich da mache.