ZEITmagazin: Herr Kinski, Sie spielen im Film Yves Saint Laurent, der jetzt auf der Berlinale gezeigt wird, Karl Lagerfeld. Wie ist das, eine lebende Person zu spielen, die jeder kennt?

Nikolai Kinski: Erst wollte ich Lagerfeld unbedingt gefallen, aber von der Idee habe ich mich schnell verabschiedet, weil es unmöglich ist. Er definiert und erfindet sich ständig neu. Der Film spielt hauptsächlich in den fünfziger und siebziger Jahren, und der Lagerfeld von heute ist ein komplett anderer als der von 1970. Deshalb wollte ich ihn auf keinen Fall treffen. Kürzlich hat mir jemand einen Artikel aus Frankreich geschickt, in dem Lagerfeld gefragt wird, was er davon hält, dass ich ihn spiele, und er hat seinen Segen gegeben.

ZEITmagazin: Er fand also, Sie seien schön genug?

Kinski: "Akzeptabel", hat er in dem Artikel gesagt.

ZEITmagazin: Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Kinski: Ich wusste nicht viel über ihn und kannte nur das Bild, das heute allgegenwärtig ist. Dann habe ich viel gelesen – insbesondere das Buch The Beautiful Fall von Alicia Drake, eine Art Doppelporträt von Yves Saint Laurent und Karl Lagerfeld. Lagerfeld ist ein Meister der Selbstdarstellung. Ich finde ihn unglaublich witzig und gebildet. Sehr erfrischend in seiner Andersartigkeit. Bei meinen Recherchen habe ich festgestellt, dass er früher ein ganz anderer Typ war – dunkle, lange Haare und sehr muskulös.

ZEITmagazin: Was war früher anders an ihm?

Kinski: Seine Körpersprache war ganz anders: Damals war er natürlicher und lockerer. Heute ist er maskenhaft, fast starr.

ZEITmagazin: Im Film hat Jacques de Bascher zentrale Bedeutung, ein charismatischer Dandy aus altem Adelsgeschlecht. De Bascher lernte Lagerfeld mit 21 Jahren kennen und wurde seine Muse. Dann hatte er, so beschreibt es Alicia Drake im Buch, eine Affäre mit Yves Saint Laurent und trieb einen tiefen Keil zwischen die beiden Modeschöpfer. Wie schätzen Sie seine Rolle ein?

Kinski: Ich glaube, de Bascher war Lagerfelds große Liebe. Und trotzdem hat er sich ab einem bestimmten Zeitpunkt Körperkontakt mit ihm verboten. Denn wenn du jemanden anfasst, zerstört das die Vorstellungskraft. Sobald eine Muse zu real wird, steht sie der Fantasie im Wege. Diese Form selbst verordneter Distanz war für mich schwer zu begreifen. Inspiration war für Lagerfeld das Allerwichtigste, seine Arbeitsmoral hat alles andere ausgeschlossen.

ZEITmagazin: Das hat Sie an der Rolle am meisten befremdet?

Kinski: Ich fand es schwierig, nachzuvollziehen, dass man durchaus glücklich sein kann, wenn man sogar Liebe oder überhaupt die Möglichkeit einer Partnerschaft für seinen Beruf opfert. Lagerfeld ist bestimmt der fleißigste Mensch, mit dem ich mich je auseinandergesetzt habe. Aber ich habe mir oft gedacht, er ist auch der einsamste Mensch der Welt. Weil er aus rationalen Gründen niemanden in sein Leben lässt. Die Kompromisslosigkeit ist ein Grund für seine lange Karriere – dadurch schafft er es, sich jahrzehntelang an der Spitze zu halten.

ZEITmagazin: Sie selbst stellen die Liebe über alles?

Kinski: Nein, man bringt natürlich immer auch Opfer. Aber diese Grundidee, dass man die Möglichkeit zu lieben einfach ausschließt, ist mir fremd. Ich glaube, Lagerfeld hat bereits sehr früh in seinem Leben beschlossen, dass er zu Menschen, die er so lieben könnte wie Jacques, Distanz hält, um sich über einen längeren Zeitraum hinweg von ihnen inspirieren zu lassen. Das ist mir sehr fremd.

ZEITmagazin: Als Modeschöpfer ist Yves Saint Laurent in Frankreich eine Ikone. Der Film zeigt eine sehr dunkle Seite von ihm: Drogen- und Alkoholexzesse. Hat diese selbstzerstörerische Seite Sie überrascht?

Kinski: Zur Vorbereitung hatte ich Interviews gesehen, die Saint Laurent am Ende seiner Karriere gegeben hat, und wusste, dass er ziemlich fertig war. Ich finde es interessant, dass Saint Laurent und Lagerfeld unterschiedlicher nicht sein könnten: Yves hatte immer seine eigene Vision von Eleganz und ist ihr treu geblieben. Mit 21 Jahren begann sein kometenhafter Aufstieg, und nach 25 Jahren war er fertig. Karl dagegen hat sich Zeit gelassen – hat sich erst hinter anderen Namen versteckt und teilweise anonym Kollektionen entworfen, er hat sich seine Karriere über einen Zeitraum von 60 Jahren aufgebaut. Yves hat Zeit seines Lebens viel Gas gegeben, während Karl nie Drogen genommen oder getrunken hat, sondern gelesen und beobachtet hat. Yves verkörpert das Klischee von französischer Lebensfreude, Karl ist der Inbegriff preußischer Disziplin.