ZEITmagazin: Herr Schick, Sie sind in drei Filmen auf der Berlinale zu sehen. Jetzt können Sie sich zurücklehnen.

Clemens Schick: Auf keinen Fall! Ich arbeite erst seit sieben Jahren im Film, davor habe ich zehn Jahre Theater gespielt. Bis vor Kurzem habe ich mich gefragt, ob alles vorbei ist, wenn in einem Monat mal kein Angebot reinkam. Jetzt bin ich etwas entspannter als früher.

ZEITmagazin: Sie spielen in den deutschen Filmen "Das finstere Tal" und "Die Unschuldigen". Der brasilianische Film Praia do Futuro (Strand der Zukunft) hat es sogar in den Wettbewerb der Berlinale geschafft.

Schick: Worüber ich überglücklich bin. Wir haben zwei Monate geprobt und dann zwei Monate gedreht, hier und in Brasilien, in Fortaleza. Ich spiele Konrad, einen deutschen Motocrossfahrer, der bei einem Unfall im Meer von einem Rettungsschwimmer gerettet wird. Es folgt eine Art Liebesgeschichte. Die Dreharbeiten waren ein großes Abenteuer, wir haben auf Portugiesisch gedreht, eine Sprache, die ich nicht beherrsche, sondern mir akustisch erarbeitet habe. Diese Arbeit war ein verdammt großes Geschenk.

ZEITmagazin: Hat der Regisseur Sie gezielt angefragt?

Schick: Nein, es gab ein Casting in Deutschland.

ZEITmagazin: Welche Schauspieler beeinflussen Sie in Ihrer Arbeit?

Schick: Na ja, Vorbilder habe ich nicht. Aber es gibt Schauspieler in bestimmten Rollen, die mich berührt haben: Sean Penn als Vater einer ermordeten Tochter in Mystic River, Frances McDormand als Polizistin in Fargo oder letztes Jahr Jennifer Lawrence in Silver Linings.

ZEITmagazin: Als Kind wollten Sie aber angeblich lieber Zirkusartist zu werden. Wie kam das?

Schick: Ich habe einen Roman über Zirkuskünstler gelesen, da war ich zwölf. Mich hat deren Leben begeistert, diese Freiheit, das Risiko, ich habe mir damals vorgestellt, Trapezkünstler zu sein. Auch wenn ich eine gute Kindheit in Stuttgart hatte, wollte ich immer weg von zu Hause.

ZEITmagazin: Warum?

Schick: Es war die Sehnsucht nach etwas Unbekanntem. Nicht weil es mir schlecht ging, sondern weil mich die Ferne gelockt hat. Ich habe meine Eltern immerhin so weit überzeugt, dass sie die besten Artistenschulen ausfindig machten. Die waren damals in Paris, Budapest und OstBerlin. Daran ist es letztlich gescheitert. Meine Eltern wollten mich nicht auf ein Internat im Ausland schicken.

ZEITmagazin: Können Sie sich noch an das Buch erinnern, das diesen Traum ausgelöst hat?

Schick: Nein, damals habe ich so viele Bücher gelesen. Wir hatten keinen Fernseher im Haus, dafür bin ich einmal in der Woche in die Stadtbücherei gegangen und habe mir einen Stapel Bücher ausgeliehen. Zu der Zeit war ich wahnsinnig schlecht in der Schule, jeden Tag musste ich zwei, drei Stunden zu Hause lernen. Da saß ich allein an meinem riesigen Schreibtisch, drapierte alle Hefte so, dass es aussah, als würde ich rechnen, öffnete dann die Schublade, legte die aufgeschlagenen Bücher und las, bis jemand ins Zimmer kam. Dann habe ich mich nach vorne gebeugt und mit dem Bauch die Schublade zugeschoben. So bin ich zu einem wahnsinnigen Pensum an Literatur und wenig Mathematik gekommen. Auf dem Weg zur Schule habe ich mir Fantasiegeschichten ausgedacht, habe sie durchgespielt und auf dem Rückweg, wenn die Schule aus war, weitergemacht. In meinen Geschichten war ich der Held, der zwar über viel Macht verfügte, aber immer gerecht war.

ZEITmagazin: Und die andern dachten, Sie hätten einen Knall.

Schick: Ich habe das so gemacht, dass niemand etwas mitbekam. Das ist übrigens heute einer der Vorteile von Headsets für Mobiltelefone: Seither kann man als Schauspieler seine Texte auf der Straße proben, ohne dass einen jemand für bescheuert hält.