Haselünne trennen 365 Kilometer von Brüssel, über 50 Jahre den Zweiten Weltkrieg von der Bundesrepublik Deutschland. Doch für einen kleinen Moment schafft David McAllister es, dass all das eins wird für die rund 140 Honoratioren, die sich am Samstagmorgen zum Grünkohlessen im holzvertäfelten Kolpingsaal von Haselünne versammelt haben. Am 25. Mai wählen die Europäer ein neues Parlament, McAllister bewirbt sich als Abgeordneter. Jeder, so sagt er, habe seine eigene Geschichte mit Europa. Seine erzählt er so: Als James Buchanan McAllister, Jahrgang 1919, Normandie-Veteran der 51. schottischen Highland-Division, seinen Sohn David bei dessen feierlichem Gelöbnis als Rekrut im Jahr der deutschen Einheit zum ersten Mal in einer deutschen Uniform sah, sagte er mit Tränen in den Augen: "Jetzt ist der Krieg für mich vorbei." Und deshalb, so McAllister, sei das Friedensargument als Begründung für Europa für ihn noch lange nicht veraltet. Da brandet Beifall auf, für einen Moment ist die Lücke geschlossen zwischen der "Verheißung Europa", die die Parteiprogramme beschwören, und einem Europa, das vor allem deutsches Geld frisst, zwischen Brüssel und Bürgern, zwischen dem vorerst gescheiterten Hoffnungsträger David McAllister und einer glorreichen Zukunft.

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, da hat David McAllister die bitterste Niederlage seines bis dahin sehr erfolgreichen politischen Lebens erlitten. Bei der Landtagswahl im Januar 2013 wählten ihn die Niedersachsen ab – eher aus Versehen, wie sich später herausstellte. Viele hatten FDP gewählt, um McAllister als Chef einer schwarz-gelben Koalition zu behalten, und bekamen dann Stefan Weil von der SPD und Rot-Grün. Bitter war die Niederlage auch für McAllisters Partei, die CDU. Auf dem 43-Jährigen ruhten große Erwartungen, weil er ein smarter Politiker ist, aber auch, weil es nach dem Scheitern der zu Guttenbergs, Röttgens, Kristina Schröders und Wulffs nicht viele Zukunftshoffnungen nach Merkel in der CDU gibt.

Zwischenzeitlich hatte es geheißen, McAllister werde nach der Bundestagswahl in Merkels neues Kabinett wechseln. Er selbst lässt durchblicken, es habe Gespräche gegeben, doch am Ende wurde nichts daraus. Zum einen gab es in der großen Koalition nicht viele Posten zu verteilen, zum anderen rieten enge Freunde dem studierten Juristen, der sein Leben seit dem JU-Beitritt mit 15 Jahren vor allem in der Politik zugebracht hat, seinen Horizont lieber im Ausland zu erweitern, anstatt zwischen seiner Heimatstadt Bad Bederkesa und Berlin zu pendeln oder gar als Oppositionsführer im Niedersächsischen Landtag zu versauern.

Deshalb ist David McAllister der Spitzenkandidat seiner Partei für Europa, auch wenn es in der CDU so etwas gar nicht gibt, weil sie ihre Kandidaten über Landeslisten auswählt. Deshalb steht er in Westniedersachsen und denkt laut über diese Frage nach: "Wie bewegen wir die Menschen zwischen Haselünne und Herzlake dazu, am 25. Mai ihr Kreuz an der richtigen Stelle zu machen?"

Dabei wäre es schon ein Erfolg, wenn mehr als die Hälfte der Deutschen überhaupt ein Kreuz machen würden. Eine Stunde ackert sich McAllister durch das neue Europaprogramm seiner Partei, spricht über Solidität und Solidarität, den weltweiten Wettbewerb, die Euro-Zone und eine gemeinsame Verteidigungspolitik aller EU-Länder. Engagierten Beifall bekommt er an drei Stellen: bei den Tränen seines Vaters, bei der Erwähnung der Ölkännchen, die keiner Regulierung bedürfen, und der Aussage, dass die Türkei nicht bereit für eine Aufnahme in die EU sei. Das ist es also, was funktioniert. Dazwischen herrscht viel ratlose Leere, Unbehagen, Achselzucken.

Der Erklärungsbedarf für Europa sei größer geworden, sagt McAllister später bei Grünkohl und Mettwürstchen. In seinen Reden sagt er, die Wahl am 25. Mai sei eine Richtungsentscheidung. Darüber, ob es gelinge, die Rechtspopulisten halbwegs rauszuhalten, die in vielen Ländern Europas großen Zulauf haben, und die Sozialisten klein zu halten, die die Schulden verteilen wollen. Doch für die meisten Deutschen, darüber macht sich McAllister keine großen Illusionen, ist Europa weit weg, vermutlich geht es für sie um die Frage, ob es so weitergeht wie bisher, mit Angela Merkels Regierungsstil des Irgendwie-Weiterwurstelns.

Wie viele Politiker hat McAllister nach der politischen Niederlage zunächst Trost im Privaten gesucht, er schwärmte von der Zeit, die er nun habe, verreiste mit Frau und Töchtern nach Disneyland und stellte fest, dass er sich erst mal ein eigenes Auto kaufen musste. Nun hat er ein blaues VW-Cabrio statt der gepanzerten Dienstlimousine. In dem hat er auf den Fahrten durch das große Land Niedersachsen mithilfe einer Lern-CD ein paar Brocken Holländisch gelernt. Er hat außerdem Französischunterricht genommen, und er ist viel gereist in den vergangenen Monaten: ins Kosovo und nach Mazedonien, nach Frankreich, Warschau, Rom und London.