Wachsen und schrumpfen

Iran: Stärkster Einbruch

Ausgerechnet der Iran! Das Land, in dem nach der Islamischen Revolution fundamentalistische Geistliche das Volk aufriefen, die Heere Allahs für den Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen durch möglichst viel Nachwuchs zu stärken, ausgerechnet dieses Land steht heute für einen besonderen Rekord: Nirgendwo auf der Welt ist die Fruchtbarkeitsrate in so kurzer Zeit so stark gesunken wie im Iran. Bekamen die Iranerinnen in den 1980er Jahren im Schnitt knapp sieben Kinder, so sind es heute noch 1,8. Binnen einer Generation ist die Kinderzahl je Frau auf ein Viertel abgestürzt. Wie lässt sich das erklären?

Vor der Revolution gehörte der Iran zu den Ländern mit den höchsten Wachstumsraten. Zwar hatte das Schah-Regime schon 1967 eines der ersten Programme zur Familienplanung auf den Weg gebracht, aber vor allem die konservative Landbevölkerung ließ sich davon kaum beeindrucken. Ungeachtet der Angebote von Kondom und Pille, verdoppelte sich die Bevölkerung zwischen 1960 und 1983 auf 44 Millionen – der eindringliche Ruf der Mullahs nach Kanonenfutter für den Krieg sorgte dafür, dass sich das Wachstum danach noch einmal beschleunigte.

Doch kaum waren die Schlachten vorbei und die Staatskassen leer, wurde selbst den Hardlinern klar, dass es für die vielen Menschen weder Jobs noch Nahrung oder Wohnraum gab. Nach dem Tod des Revolutionsführers Chomeini im Jahr 1989 lancierten dessen Nachfolger umfangreiche Programme zur Familienplanung. Plötzlich gab es wieder kostenfreie Verhütungsmittel aller Art, und die neue Parole lautete, die Zwei-Kind-Familie sei im Sinn des Islams. Ab dem dritten Kind wurden den Familien sogar Lebensmittelhilfen und Sozialleistungen gestrichen. Das Ziel war, die Fertilitätsrate bis 2011 auf vier Kinder je Frau zu reduzieren. Doch die Iranerinnen waren längst weiter, als sich die Mullahs vorstellen konnten. Aus freien Stücken bekamen sie schon 2007 im Schnitt nur noch 1,7 Kinder je Frau. Die Bevölkerung wuchs weniger stark als erwartet, auf heute 77 Millionen.

Angesichts der sozialen Entwicklung ist die niedrige Fertilitätsrate wenig überraschend. Der Bildungsstand der Bevölkerung ist hoch. Dies gilt insbesondere für Frauen – sie sind heute an den Universitäten schon häufiger zu finden als Männer. Die große Mehrheit der Frauen lebt einen westlich-säkularen Lebensstil. Rund siebzig Prozent der Iraner wohnen in Städten. All diese Merkmale der Moderne führen schon für sich allein überall auf der Welt zu niedrigen Kinderzahlen.

Deshalb dürften auch die bevölkerungspolitischen Interventionen, die noch vom vorherigen Präsidenten Ahmadinedschad stammen, kaum Erfolge zeigen. Der hatte abermals versucht, das Steuer herumzureißen, und erklärt, der Iran könne nur mit vielen Kindern über den Westen triumphieren.

Gerade die jungen Menschen, die jetzt Eltern werden könnten, haben ganz andere Ziele, als den Iran zu einer demografischen Großmacht aufzublähen. Dennoch wird die Bevölkerung im Iran weiter wachsen. Denn derzeit sind die geburtenstarken Kohorten aus der Zeit nach der Revolution im potenziellen Elternalter.

Selbst wenn die Fertilität weiter sänke, würde diese kopfstarke Gruppe das Wachstum ankurbeln. Mit 100 Millionen Iranern ist bis 2050 in jedem Fall zu rechnen. Ebenso mit einer ungewöhnlich starken Alterung der Bevölkerung, denn zur Mitte des Jahrhunderts erreichen die letzten gut besetzten Jahrgänge das Rentenalter.

Reiner Klingholz

Nigeria: Außer Kontrolle

Nigeria: Außer Kontrolle

In Nigeria, einem Land, das flächenmäßig etwa so groß ist wie Deutschland und Frankreich zusammen, hat sich die Bevölkerung seit der Unabhängigkeit im Jahr 1960 fast vervierfacht – auf mittlerweile an die 175 Millionen. Und das Wachstum geht nahezu ungebremst weiter. Denn anders als in den meisten wenig entwickelten Ländern ist die Fruchtbarkeitsrate in Nigeria in den letzten fünfzig Jahren nur geringfügig gesunken, von 6,6 auf 5,7 Kinder pro Frau.

Derzeit kommen in Nigeria im Jahr etwa sieben Millionen Kinder zur Welt – das sind mehr als zehnmal so viele wie in Deutschland. Selbst wenn das Land zwanzig Prozent seiner Öleinnahmen in den Bildungssektor stecken würde, wäre es außerstande, jene 10,5 Millionen Kinder einzuschulen und auszubilden, die heute nicht einmal eine Grundschule besuchen.

Vor allem die Mädchen leiden unter diesen Verhältnissen. Etwa zwanzig Prozent aller jungen Frauen haben noch nie eine Schule von innen gesehen – mit fatalen Folgen: Die Bildungsmisere garantiert weiteres Bevölkerungswachstum, denn überall in den Entwicklungsländern bekommen Frauen ohne Schulbildung mit Abstand die meisten Kinder.

Die Verantwortung für diese Entwicklung tragen die wechselnden Regierungen Nigerias, die viel zu wenig in Bildung, Gesundheit und Aufklärung für Familienplanung investierten. Verhütungsmethoden beispielsweise werden von nicht einmal 16 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter genutzt. Mütter- und Säuglingssterblichkeit liegen weit höher als in Äthiopien, dem bevölkerungsmäßig zweitgrößten Land des Kontinents, obwohl dort das Pro-Kopf-Einkommen nicht einmal halb so hoch ist.

Gemessen an den meisten sozialen Indikatoren, verschlechtert sich die Lage der Menschen in Nigeria immer mehr. Während eine kleine, extrem reiche Oberschicht von den Ölvorkommen des Landes profitiert, müssen 85 Prozent aller Nigerianer im Jahr 2010, laut Schätzungen der Weltbank, umgerechnet von weniger als zwei Dollar am Tag leben – 1986 waren es nur 77 Prozent gewesen. Fast die Hälfte der Nigerianer ist heute jünger als 15 Jahre.

Diese jungen Leute erwartet eine schwierige Zukunft. Von den heute 15- bis 24-Jährigen ist ein Drittel ohne Arbeit. Und sogar wenn sie einen Job finden, werden die meisten ihr Lebtag unter der Armutsschwelle bleiben. Gerade diese Altersgruppe wird sich bis 2050 zahlenmäßig fast verdreifachen. Und der sogenannte Youth Bulge, ein Überhang an jungen Menschen, die keine adäquate Rolle in der Gesellschaft finden können, gilt als Garantie für gewaltsame Konflikte. Deshalb ist Nigeria künftig nicht nur eines der jüngsten, sondern auch eines der gefährlichsten Länder der Welt.

Schon bald nach 2050 dürfte Nigeria zum Land mit der drittgrößten Bevölkerung der Welt nach Indien und China aufgestiegen sein. Selbst wenn die Geburtenrate sänke, rechnen die Vereinten Nationen bis zum Jahr 2100 mit mehr als 640 Millionen Nigerianern. Gut möglich sind über 900 Millionen Einwohner für das Land – beziehungsweise für jenes außer Kontrolle geratene Staatsgebilde, das Nigeria unter solchen Extrembedingungen bis dahin sein dürfte.

Reiner Klingholz

Japan: Ein Volk stirbt aus

Japan: Ein Volk stirbt aus

Shigeaki Hinohara murrt. "Wir müssen aufpassen", schimpft er. "In unserem Land werden ältere Menschen zu wenig respektiert." Als Last für das Pensionssystem würden sie begriffen, nicht als Vorbilder für jüngere Menschen. Wohin soll das führen? Der 102-jährige Kardiologe ist Lobbyist für die Rechte älterer Menschen und dadurch ein Superstar in Japan. Er murmelt etwas von "Feindlichkeit gegenüber der Mehrheit".

Noch stellen Senioren nicht die Mehrheit im Land, aber es ist absehbar, dass sie das bald tun werden. Eine Frau bringt durchschnittlich nur noch 1,4 Kinder zur Welt, gleichzeitig haben die Menschen hier die höchste Lebenserwartung. Das macht die Japaner zur am schnellsten alternden Gesellschaft des Planeten. Ein Viertel der Bevölkerung ist schon heute mindestens 65 Jahre alt. Nach dem aktuellen Trend steigt dieser Anteil in den kommenden vierzig Jahren auf 40 Prozent. Wer wird die Pensionen finanzieren, die Alten pflegen? Eine langfristige Strategie fehlt.

Wollte Japan seine personellen Engpässe ausgleichen, könnten zum Beispiel jährlich 770.000 Ausländer ins Land geholt werden. Allerdings macht sich keine der politischen Parteien dafür stark. Meist werden nur zeitlich beschränkte Arbeitsvisa verteilt. So sind weniger als zwei Prozent der Einwohner Ausländer. (In Deutschland liegt dieser Wert bei rund neun Prozent.) Ähnlich halbherzig wie die Immigrationspolitik erscheint der aktuelle Versuch der Regierung, Kinder und Karriere für Japanerinnen besser vereinbar zu machen. Gleichzeitig ist Japans Politik ziemlich seniorenfreundlich: Rund die Hälfte aller Ausgaben für den Wohlfahrtsstaat fließt ins Pensionssystem. Kritiker klagen, dieses Geld fehle heute bei Sozialhilfe und Familienunterstützung.

Im Gegensatz zu anderen Industrieländern hatte der Babyboom nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan nur von 1946 bis 1949 gedauert, deutlich kürzer als anderswo (in Deutschland erreichte er 1964 erst seinen Höhepunkt). Schon von den 1950er Jahren an sanken die Geburtenraten. Das tun sie bis heute.

Betrachtet man die Investitionen großer Unternehmen wie Toyota, Honda und Panasonic, aber auch die Vergabe öffentlicher Fördermittel, so entsteht der Eindruck, das Land habe sich damit abgefunden, dass seine Bevölkerung schwindet und die Menschen immer älter werden. Neue Forschungsbereiche boomen, zum Beispiel jener für Pflegerobotik. Dessen Marktvolumen, schätzt das Wirtschaftsministerium, wird in zwanzig Jahren beinahe so groß sein wie das heutige für Industrieroboter – und da ist Japan Weltspitze.

Das Warten auf den letzten Japaner hat längst begonnen. Ökonomen der Tohoku University haben eine Bevölkerungsuhr ins Netz gestellt. Sie gehen davon aus, dass die Zahl der unter 15-Jährigen um 150.000 pro Jahr sinkt. Null erreicht sie irgendwann im dritten Jahrtausend. Andere Demografen haben das Ende schon für das 22. Jahrhundert vorhergesagt. Präziser sind Projektionen für die Entwicklung der Gesamtbevölkerung. Diese wird nach aktuellen Berechnungen binnen 100 Jahren von heute 127 Millionen auf 40 Millionen schrumpfen.

Für den 102-jährigen Shigeaki Hinohara bedeutet das: "Die Armut der Senioren wird zunehmen. Deren Lebenssituation kann dann nicht mehr ignoriert werden." Bald stellen sie wirklich die Mehrheit.

Felix Lill

Deutschland: Wenige sind mehr

Deutschland: Wenige sind mehr

Tiefe Wolken hängen über der Burg Altena. Darunter fällt eine Felswand 80 Meter tief ab, hin zum gleichnamigen Städtchen im Sauerland. Vom Büro am Hang gegenüber hat Andreas Hollstein die Burg stets vor Augen. Trotz der grandiosen Aussicht ist der Bürgermeister um seinen Posten nicht zu beneiden – die Stadt Altena schrumpft. In dreißig Jahren ist die Einwohnerzahl fast um die Hälfte gesunken. Trotzdem rühmt sich der CDU-Politiker, das Problem richtig angepackt zu haben. Er nutzte den Negativrekord seiner Kommune und verschaffte sich damit Gehör bei der Landesregierung.

Und bei seinen Bürgern. Denen hatte er Grausames zugemutet: das Freibad geschlossen und eine Grundschule. Denn wie sollen 18.000 Bürger eine Infrastruktur bezahlen, die für 35.000 Menschen berechnet war? An die sechzig Sparvorschläge habe er umgesetzt, sagt Hollstein. Er tauschte seinen Dienst-Mercedes gegen einen Polo und verkleinerte den Stadtrat und die Verwaltung auf das gesetzliche Minimum.

Sparen allein reicht aber nicht, die Stadt muss wieder attraktiver werden – damit die, die noch da sind, dableiben und hoffentlich neue Bürger hinzukommen. Das wird schwer, denn es fehlen Arbeitsplätze. In den Siebzigern und Achtzigern haben große Betriebe die Stadt verlassen und mit ihnen die jungen Erwachsenen: Sie haben ihre Kinder anderswo auf die Welt gebracht.

"Ich war immer ehrlich zu den Leuten", sagt Hollstein, "wenn wir lebenswerte Strukturen schaffen wollen, müssen wir selbst etwas dafür tun." Und die Altenaer hören auf ihn. Sie haben ihn nicht nur dreimal gewählt (im Mai tritt er zum vierten Mal an), sie packen auch mit an, wenn es Arbeit gibt.

Wenn man dem Bürgermeister in die Innenstadt folgt, rattert er die Projekte nur so herunter: In der ehemaligen Schule organisieren Bürger die Seniorenarbeit selbst, die Sozialarbeit, einen Jugendtreff. Im "Generationenbüro Stellwerk" bieten sich die Altenaer als Leihomas an, als Lesepaten oder Handyexperten. Die Bürger pflasterten die Innenstadt eigenhändig, die Stadt zahlte nur das Material.

Diese Kombination aus weitsichtigem Konzept und bürgerlichem Engagement hat auch Christa Reicher überzeugt. Die Professorin für Städtebau an der TU Dortmund saß in der Jury, die das Altenaer Konzept mit dem Martin-Leicht-Preis für Stadt- und Regionalentwicklung ausgezeichnet hat.

"Die wenigsten Städte gehen mit Schrumpfung und Rückbau derart konstruktiv um", sagt sie, "man muss gemeinsam auf ein Ziel gucken." Noch stehen viele Ladenflächen leer – das soll sich ändern. 100.000 Touristen sehen sich jedes Jahr die Burg an, nur 5.000 verirren sich bislang in die Stadt. Im April eröffnet deshalb der "Erlebnisaufzug": Auf dem Weg zur Burg sollen die Touristen künftig multimedial über die Sagen und die Geschichte der Stadt informiert werden.

Nun droht erneut eine Schulschließung. "Die Kosten für das Schulgebäude sind nicht das Problem", sagt Hollstein, "wir kriegen keine Lehrer mehr." Es gibt nicht genug Kinder und deshalb auch kein Geld für Personal. Hollstein selbst wird wohl nicht mehr erleben, dass die Bevölkerung von Altena wieder wächst. Vor 2050 ist nicht damit zu rechnen. Immerhin konnte die Stadt 2013 einen klitzekleinen Zuwachs verbuchen. Es leben jetzt fünf 25- bis 30-Jährige mehr in der Stadt – damit wächst Altena in dieser Altersklasse schon stärker als der bundesweite Durchschnitt.

Joachim Budde