Nigeria: Außer Kontrolle

In Nigeria, einem Land, das flächenmäßig etwa so groß ist wie Deutschland und Frankreich zusammen, hat sich die Bevölkerung seit der Unabhängigkeit im Jahr 1960 fast vervierfacht – auf mittlerweile an die 175 Millionen. Und das Wachstum geht nahezu ungebremst weiter. Denn anders als in den meisten wenig entwickelten Ländern ist die Fruchtbarkeitsrate in Nigeria in den letzten fünfzig Jahren nur geringfügig gesunken, von 6,6 auf 5,7 Kinder pro Frau.

Derzeit kommen in Nigeria im Jahr etwa sieben Millionen Kinder zur Welt – das sind mehr als zehnmal so viele wie in Deutschland. Selbst wenn das Land zwanzig Prozent seiner Öleinnahmen in den Bildungssektor stecken würde, wäre es außerstande, jene 10,5 Millionen Kinder einzuschulen und auszubilden, die heute nicht einmal eine Grundschule besuchen.

Vor allem die Mädchen leiden unter diesen Verhältnissen. Etwa zwanzig Prozent aller jungen Frauen haben noch nie eine Schule von innen gesehen – mit fatalen Folgen: Die Bildungsmisere garantiert weiteres Bevölkerungswachstum, denn überall in den Entwicklungsländern bekommen Frauen ohne Schulbildung mit Abstand die meisten Kinder.

Die Verantwortung für diese Entwicklung tragen die wechselnden Regierungen Nigerias, die viel zu wenig in Bildung, Gesundheit und Aufklärung für Familienplanung investierten. Verhütungsmethoden beispielsweise werden von nicht einmal 16 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter genutzt. Mütter- und Säuglingssterblichkeit liegen weit höher als in Äthiopien, dem bevölkerungsmäßig zweitgrößten Land des Kontinents, obwohl dort das Pro-Kopf-Einkommen nicht einmal halb so hoch ist.

Gemessen an den meisten sozialen Indikatoren, verschlechtert sich die Lage der Menschen in Nigeria immer mehr. Während eine kleine, extrem reiche Oberschicht von den Ölvorkommen des Landes profitiert, müssen 85 Prozent aller Nigerianer im Jahr 2010, laut Schätzungen der Weltbank, umgerechnet von weniger als zwei Dollar am Tag leben – 1986 waren es nur 77 Prozent gewesen. Fast die Hälfte der Nigerianer ist heute jünger als 15 Jahre.

Diese jungen Leute erwartet eine schwierige Zukunft. Von den heute 15- bis 24-Jährigen ist ein Drittel ohne Arbeit. Und sogar wenn sie einen Job finden, werden die meisten ihr Lebtag unter der Armutsschwelle bleiben. Gerade diese Altersgruppe wird sich bis 2050 zahlenmäßig fast verdreifachen. Und der sogenannte Youth Bulge, ein Überhang an jungen Menschen, die keine adäquate Rolle in der Gesellschaft finden können, gilt als Garantie für gewaltsame Konflikte. Deshalb ist Nigeria künftig nicht nur eines der jüngsten, sondern auch eines der gefährlichsten Länder der Welt.

Schon bald nach 2050 dürfte Nigeria zum Land mit der drittgrößten Bevölkerung der Welt nach Indien und China aufgestiegen sein. Selbst wenn die Geburtenrate sänke, rechnen die Vereinten Nationen bis zum Jahr 2100 mit mehr als 640 Millionen Nigerianern. Gut möglich sind über 900 Millionen Einwohner für das Land – beziehungsweise für jenes außer Kontrolle geratene Staatsgebilde, das Nigeria unter solchen Extrembedingungen bis dahin sein dürfte.

Reiner Klingholz