Japan: Ein Volk stirbt aus

Shigeaki Hinohara murrt. "Wir müssen aufpassen", schimpft er. "In unserem Land werden ältere Menschen zu wenig respektiert." Als Last für das Pensionssystem würden sie begriffen, nicht als Vorbilder für jüngere Menschen. Wohin soll das führen? Der 102-jährige Kardiologe ist Lobbyist für die Rechte älterer Menschen und dadurch ein Superstar in Japan. Er murmelt etwas von "Feindlichkeit gegenüber der Mehrheit".

Noch stellen Senioren nicht die Mehrheit im Land, aber es ist absehbar, dass sie das bald tun werden. Eine Frau bringt durchschnittlich nur noch 1,4 Kinder zur Welt, gleichzeitig haben die Menschen hier die höchste Lebenserwartung. Das macht die Japaner zur am schnellsten alternden Gesellschaft des Planeten. Ein Viertel der Bevölkerung ist schon heute mindestens 65 Jahre alt. Nach dem aktuellen Trend steigt dieser Anteil in den kommenden vierzig Jahren auf 40 Prozent. Wer wird die Pensionen finanzieren, die Alten pflegen? Eine langfristige Strategie fehlt.

Wollte Japan seine personellen Engpässe ausgleichen, könnten zum Beispiel jährlich 770.000 Ausländer ins Land geholt werden. Allerdings macht sich keine der politischen Parteien dafür stark. Meist werden nur zeitlich beschränkte Arbeitsvisa verteilt. So sind weniger als zwei Prozent der Einwohner Ausländer. (In Deutschland liegt dieser Wert bei rund neun Prozent.) Ähnlich halbherzig wie die Immigrationspolitik erscheint der aktuelle Versuch der Regierung, Kinder und Karriere für Japanerinnen besser vereinbar zu machen. Gleichzeitig ist Japans Politik ziemlich seniorenfreundlich: Rund die Hälfte aller Ausgaben für den Wohlfahrtsstaat fließt ins Pensionssystem. Kritiker klagen, dieses Geld fehle heute bei Sozialhilfe und Familienunterstützung.

Im Gegensatz zu anderen Industrieländern hatte der Babyboom nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan nur von 1946 bis 1949 gedauert, deutlich kürzer als anderswo (in Deutschland erreichte er 1964 erst seinen Höhepunkt). Schon von den 1950er Jahren an sanken die Geburtenraten. Das tun sie bis heute.

Betrachtet man die Investitionen großer Unternehmen wie Toyota, Honda und Panasonic, aber auch die Vergabe öffentlicher Fördermittel, so entsteht der Eindruck, das Land habe sich damit abgefunden, dass seine Bevölkerung schwindet und die Menschen immer älter werden. Neue Forschungsbereiche boomen, zum Beispiel jener für Pflegerobotik. Dessen Marktvolumen, schätzt das Wirtschaftsministerium, wird in zwanzig Jahren beinahe so groß sein wie das heutige für Industrieroboter – und da ist Japan Weltspitze.

Das Warten auf den letzten Japaner hat längst begonnen. Ökonomen der Tohoku University haben eine Bevölkerungsuhr ins Netz gestellt. Sie gehen davon aus, dass die Zahl der unter 15-Jährigen um 150.000 pro Jahr sinkt. Null erreicht sie irgendwann im dritten Jahrtausend. Andere Demografen haben das Ende schon für das 22. Jahrhundert vorhergesagt. Präziser sind Projektionen für die Entwicklung der Gesamtbevölkerung. Diese wird nach aktuellen Berechnungen binnen 100 Jahren von heute 127 Millionen auf 40 Millionen schrumpfen.

Für den 102-jährigen Shigeaki Hinohara bedeutet das: "Die Armut der Senioren wird zunehmen. Deren Lebenssituation kann dann nicht mehr ignoriert werden." Bald stellen sie wirklich die Mehrheit.

Felix Lill