Deutschland: Wenige sind mehr

Tiefe Wolken hängen über der Burg Altena. Darunter fällt eine Felswand 80 Meter tief ab, hin zum gleichnamigen Städtchen im Sauerland. Vom Büro am Hang gegenüber hat Andreas Hollstein die Burg stets vor Augen. Trotz der grandiosen Aussicht ist der Bürgermeister um seinen Posten nicht zu beneiden – die Stadt Altena schrumpft. In dreißig Jahren ist die Einwohnerzahl fast um die Hälfte gesunken. Trotzdem rühmt sich der CDU-Politiker, das Problem richtig angepackt zu haben. Er nutzte den Negativrekord seiner Kommune und verschaffte sich damit Gehör bei der Landesregierung.

Und bei seinen Bürgern. Denen hatte er Grausames zugemutet: das Freibad geschlossen und eine Grundschule. Denn wie sollen 18.000 Bürger eine Infrastruktur bezahlen, die für 35.000 Menschen berechnet war? An die sechzig Sparvorschläge habe er umgesetzt, sagt Hollstein. Er tauschte seinen Dienst-Mercedes gegen einen Polo und verkleinerte den Stadtrat und die Verwaltung auf das gesetzliche Minimum.

Sparen allein reicht aber nicht, die Stadt muss wieder attraktiver werden – damit die, die noch da sind, dableiben und hoffentlich neue Bürger hinzukommen. Das wird schwer, denn es fehlen Arbeitsplätze. In den Siebzigern und Achtzigern haben große Betriebe die Stadt verlassen und mit ihnen die jungen Erwachsenen: Sie haben ihre Kinder anderswo auf die Welt gebracht.

"Ich war immer ehrlich zu den Leuten", sagt Hollstein, "wenn wir lebenswerte Strukturen schaffen wollen, müssen wir selbst etwas dafür tun." Und die Altenaer hören auf ihn. Sie haben ihn nicht nur dreimal gewählt (im Mai tritt er zum vierten Mal an), sie packen auch mit an, wenn es Arbeit gibt.

Wenn man dem Bürgermeister in die Innenstadt folgt, rattert er die Projekte nur so herunter: In der ehemaligen Schule organisieren Bürger die Seniorenarbeit selbst, die Sozialarbeit, einen Jugendtreff. Im "Generationenbüro Stellwerk" bieten sich die Altenaer als Leihomas an, als Lesepaten oder Handyexperten. Die Bürger pflasterten die Innenstadt eigenhändig, die Stadt zahlte nur das Material.

Diese Kombination aus weitsichtigem Konzept und bürgerlichem Engagement hat auch Christa Reicher überzeugt. Die Professorin für Städtebau an der TU Dortmund saß in der Jury, die das Altenaer Konzept mit dem Martin-Leicht-Preis für Stadt- und Regionalentwicklung ausgezeichnet hat.

"Die wenigsten Städte gehen mit Schrumpfung und Rückbau derart konstruktiv um", sagt sie, "man muss gemeinsam auf ein Ziel gucken." Noch stehen viele Ladenflächen leer – das soll sich ändern. 100.000 Touristen sehen sich jedes Jahr die Burg an, nur 5.000 verirren sich bislang in die Stadt. Im April eröffnet deshalb der "Erlebnisaufzug": Auf dem Weg zur Burg sollen die Touristen künftig multimedial über die Sagen und die Geschichte der Stadt informiert werden.

Nun droht erneut eine Schulschließung. "Die Kosten für das Schulgebäude sind nicht das Problem", sagt Hollstein, "wir kriegen keine Lehrer mehr." Es gibt nicht genug Kinder und deshalb auch kein Geld für Personal. Hollstein selbst wird wohl nicht mehr erleben, dass die Bevölkerung von Altena wieder wächst. Vor 2050 ist nicht damit zu rechnen. Immerhin konnte die Stadt 2013 einen klitzekleinen Zuwachs verbuchen. Es leben jetzt fünf 25- bis 30-Jährige mehr in der Stadt – damit wächst Altena in dieser Altersklasse schon stärker als der bundesweite Durchschnitt.

Joachim Budde