Die Zwangsarbeiter und wir – Seite 1

So war das also. Die DDR machte Geschäfte mit Westfirmen, denen sie von Gefangenen hergestellte Möbel, Textilien und andere Waren zu niedrigen Preisen verkaufte. Und über ein System der Geldwäsche gaben Mittelspersonen einen Teil des Profits an die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) weiter, also an die politische Filiale der SED in der Bundesrepublik. Tobias Wunschik, Mitarbeiter der Stasi-Unterlagen-Behörde, hat die Details soeben in einer Studie veröffentlicht (Knastware für den Klassenfeind, Vandenhoeck & Ruprecht, 363 S., 29,99 €).

Geht das heute noch jemanden etwas an? Und ob.

In der öffentlichen Kritik stehen derzeit jene Unternehmen, die damals die Billigware aus der DDR bezogen haben, wie Ikea, Karstadt oder Otto. Nun lief damals jedes Geschäft mit der DDR Gefahr, dass sein ökonomischer Vorteil auf dem Zwangscharakter des Systems beruhte, nicht zuletzt auf der Arbeit in den Gefängnissen. Dennoch wird kaum jemand behaupten, dass Geschäfte mit der DDR deshalb prinzipiell unmoralisch waren. Sie waren vielmehr Bestandteil der Bonner Deutschlandpolitik, die letztlich vielen DDR-Bürgern das Leben erträglicher machte und nach dem Prinzip "Wandel durch Annäherung" zum Fall der Mauer beigetragen hat.

Unmoralisch indes – und das geht die Autoren dieses Artikels an – war die Verteidigung des real unterdrückenden Sozialismus durch die DKP. Und zwar ganz unabhängig von der Tatsache, dass die SED ihre Bruderpartei finanzierte. Diese Schuld müssen wir eingestehen, denn wir waren über viele Jahre Mitglieder und Funktionäre der DKP. Viele unserer einstigen Genossen, von denen die meisten ihren Irrweg erkannt haben, tun das ebenfalls. Manche freilich haben sich einfach nur in die politische Mitte bewegt, ohne sich der schmerzhaften Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit auszusetzen. Andere wiederum haben eine neue Heimat in der Partei Die Linke gefunden und relativieren ihre Mitschuld bis heute.

Auf die Subvention der DKP und ihrer Vorfeldorganisationen durch die SED hinzuweisen, das galt uns und vielen anderen, die sich in den siebziger und achtziger Jahren als progressiv bezeichneten, als antikommunistische Propaganda. In Wirklichkeit wussten wir aber Bescheid. Und wenn an der Basis Fragen aufkamen, benutzten wir gern die Formel, die Sowjetunion habe das "revolutionäre Kuba" schließlich auch unterstützt, natürlich aus Solidarität.

In den neunziger Jahren hat der Bundestag begonnen, dieses System der Finanzierung, so gut es eben ging, zu dokumentieren. Das, was wir beide beobachtet und erlebt haben, deckt sich mit den Untersuchungsergebnissen.

Da gab es im Ost-West-Handel aktive Firmen, zum Beispiel im Hamburger Hafen, die den Apparat der DKP-Welt mit Scheinarbeitsplätzen und kostenlosen Büroräumen unterstützten. Sodann gab es Verlage, Buchhandelsketten, Druckereien und Reisebüros, die eine Doppelstrategie von Geld- und Gehirnwäsche verfolgten; ihnen stellte die DDR kostenlos Sachwerte zur Verfügung (etwa Drucklizenzen, Bücher, Schallplatten, außerdem touristische Leistungen in der DDR, in Osteuropa und auf Kuba). Ganze DDR-Lastzüge voller Waren alimentierten das Catering auf unseren Großveranstaltungen – sowie die lachhaften "Preisstopp-Aktionen" der DKP: Wir verkauften billige Glibberhähnchen, Kartoffeln und Tannenbäume in den ärmeren Stadtvierteln und rechneten das als Kampf gegen den Preiswucher des Großkapitals ab. Und intern als Stärkung der Parteikasse.

Da ist noch einiges an Selbstkritik nachzuholen

Wir beide waren in den achtziger Jahren nacheinander Chefredakteure des Jugendmagazins elan, das der DKP-Jugendorganisation SDAJ unterstellt war. Finanziert wurde es insbesondere durch Anzeigen aus dem Osten. Unseren Lesern – Schüler und Lehrlinge – empfahlen die Inserate Besuche der Leipziger Industriemesse. Oder Druckmaschinen aus der ČSSR. Oder Messgeräte aus Jena für die Olympischen Spiele.

Gedruckt wurde unser Blatt in einer hochmodernen Druckerei in Neuss, die ein reiner Parteibetrieb war. Sie finanzierte sich beispielsweise dadurch, dass sie ein Magazin zur Leipziger Messe herausgab; Firmen aus der Bundesrepublik wurde von DDR-Seite nahegelegt, teure Anzeigen zu schalten, damit sie am Ostgeschäft teilhaben konnten.

Wie gesagt, wir wussten das alles. Aber wir hatten die Welt in Gut und Böse eingeteilt. Das Böse war die kapitalistische Wirklichkeit, die wir verändern wollten; das Gute konnte mithin nur ihr Antipode sein. Nachrichten über Böses im Osten taten wir als Propaganda ab, und was an Fragen übrig blieb, wurde nach der Regel "Wo gehobelt wird, da fallen Späne" moralisch entsorgt. Eine immunisierende Mischung aus Freund-Feind-Denken und Realpolitik. Ihr Ergebnis war die stalinistische Zwecklogik und mit ihr der Verfall jeder Moral. Ein Mechanismus, der älter und langlebiger ist als die kommunistische Ideologie.

Wir sind darauf nicht stolz, sondern schämen uns für Verblendung und Schuld. Auch damals hätten wir es besser wissen müssen. Stattdessen haben wir uns in unserer Weltsicht eingemauert. Wer weiß, ob wir uns ohne Gorbatschow, der uns neu nachdenken ließ, daraus befreit hätten. Oder ohne Brandt, Schmidt und Reagan, die zum Sturz der freiheitsverachtenden Regime im Osten beigetragen haben. Und wir sind dankbar dafür, dass wir gewissermaßen resozialisiert wurden, Bürger der Bundesrepublik sein können, die nicht in Acht und Bann geschlagen wurden. Wohlgemerkt: Dafür wurde uns kein Bekenntnis abverlangt und keine Aufarbeitung der Vergangenheit. Wir mussten nicht zu Kreuze kriechen, sondern erhielten die Gelegenheit, unsere Schuld selbst zu erkennen.

Fragen stellen sollten sich freilich auch jene, die sich – ohne Kommunisten gewesen zu sein – in jenen Jahren in der DKP-Galaxis bewegten und von ihr materiell unterstützt wurden.

Dem "fortschrittlichen Spektrum" zugehörig, fühlten sie sich allen anderen moralisch überlegen: die Künstler, die auf unseren Festivals auftraten und deren Gagen nie und nimmer aus den Einnahmen gedeckt werden konnten. Oder die Autoren, die sich in der weitverzweigten Medienwelt der DKP hervortun durften. Und sosehr die DKP innerhalb der Friedensbewegung kritisiert wurde – ihre logistische Hilfe (Lkw, Lautsprecheranlagen, Zelte, Tagungsräume, Druck von Plakaten und Broschüren) war meist willkommen. Vielerorts war sie das organisatorische Rückgrat der Bewegung.

Die Friedensbewegung der achtziger Jahre hat eine ganze politische Generation beeinflusst. Ihre Motive waren ehrenwert, ihre Ziele ebenfalls, wenngleich diskussionswürdig. Aber sosehr sie dazu beitrug, auch in der DDR die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen – Teile der Bewegung stützten sich auf ebendieses SED-System, also auf Unterdrückung.

Da ist noch einiges an Selbstkritik nachzuholen. Sie muss damit beginnen, die Wahrheit zu sagen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio