Es stimmt nicht, dass Winfried Glatzeder der große Verlierer des Dschungelcamps ist, obwohl er sich schon ein bisschen blöd benommen hat am Lagerfeuer von RTL. Der große Verlierer des Dschungelcamps 2014 ist in Wahrheit der Blondinenwitz. Er ist erledigt, er funktioniert nicht mehr. Denn der Witz über die dämliche Blondine kann ja nur funktionieren, wenn es ihren Konterpart gibt. So wie Witze über die Ostfriesen nur funktionieren, weil es die Bayern und die Schwaben gibt. Das Prinzip des Blondinenwitzes beruht auf dem weiblichen Antagonismus, letzten Endes auf der Dramaturgie des klassischen Königinnendramas. Und diese Dramaturgie ließen Larissa Marolt und Melanie Müller, die Finalistinnen von Ich bin ein Star – holt mich hier raus!, die eine hellblond, die andere weißblond, großartig und ganz nebenbei ins Leere laufen.

Seit schlappen tausend Jahren, man kann sagen, seit der Nibelungensage, also seit Krimhild und Brünhild, spielt sich das Königinnendrama auf der Kontrastfolie der Haarfarbe ab. Seit schlappen tausend Jahren braucht die Blondine als Gegenspielerin eine Brünette. Das war so bei Elisabeth I. und Maria Stuart, bei Marilyn Monroe und Ava Gardner, bei Sabine Christiansen und Sandra Maischberger, bei Daniela Katzenberger und Verona Pooth. Auch Ingeborg Bachmann und Christa Wolf darf man in gewisser Weise diesem Muster und seinem Code zurechnen.

Dem Code nach bespielt die Blondine die Eigenschaften: naiv, spontan, unbeholfen, anarchisch, realitätsfremd, triebgesteuert, anstrengend. Im RTL-Camp war dies, scheinbar, Larissas Part. Dem Code nach erledigt die Brünette das Gegenprogramm: reif, lebensklug, reserviert, praktisch, überlegt, ehrgeizig, kontrolliert, realitätstüchtig, autoritätsgesteuert, unanstrengend. In dieser Rolle war, scheinbar, Melanie zu sehen.

Nun spaltet sich die Nation ja momentan in zwei Lager, das Lager der Larissa-Fans und das der Melanie-Fans. Was sich im Dschungelcamp zwischen den beiden bewunderungswürdigen Blondinen wirklich abspielte, haben ihre Anhänger anscheinend gar nicht mitbekommen: der Tausch des ewigen Rollencodes. Die wahrhaft nervtötende, als Chaotin und Performerin unschlagbare Österreicherin Larissa ("I hab mi selbst noch nicht an mich gewöhnt") hatte im Dschungelcamp ihren besten Moment, als sie dem Großmaul Mola Adebisi eine Lektion erteilte. Und zwar ausgerechnet in den Sekundärtugenden Durchhaltevermögen, Disziplin und Selbstüberwindung. Es war Larissas großer Melanie-Auftritt. Die silikonverstärkte, streberhafte Geschäftsfrau Melanie aus Sachsen wiederum ("Wer hat die dicksten Eier? Ich hab die dicksten Eier!") hatte ihren besten Moment, als sie von ihrem Sieg als Dschungelkönigin erfuhr, zittrig, traurig, verloren dasaß und schier zusammenklappte unter dem Triumph der ewigen Streberei. Wie ein Schulkind, das immer alle Hausaufgaben macht und gar nicht damit gerechnet hat, dass der Lehrer das auch merkt und honoriert. Es war Melanies großer Larissa-Auftritt.

Die blonden Dschungelcamperinnen haben vom ersten Moment an die Chance erkannt, die sich aus ihrer Haarfarbe ergab. In aller Heimlichkeit haben sie die Dramaturgie des Kontrastprinzips aufgemischt. Und aus dem Königinnendrama ein Blondinenbündnis gemacht. Wo zwei Blondinen sich zusammentun, wächst kein Witz mehr nach. So, liebe Frauen, läuft weibliche Seilschaft.