Lobbyisten, die im politischen Berlin in Sachen Energiewende unterwegs sind, haben es momentan schwer. Sie wissen nicht, wen sie mit ihren Anliegen bedrängen sollen. Zwar ist klar, dass sie am Ende Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und seinen grünen Staatssekretär Rainer Baake auf ihre Seite ziehen müssen; zum Erfolg kommen sie aber nur, wenn sie auch die Sachbearbeiter überzeugen, die für die einzelnen Paragrafen, für das Kleingedruckte zuständig sind. Doch welcher Referent, Referatsleiter oder Unterabteilungsleiter für welche Facette der mit großem Aplomb angekündigten Energiereform zuständig ist, das ist bisher ein Rätsel geblieben. "Wir wissen nicht, wer die Unterhäuptlinge und die Indianer sind", klagt ein leitender Mitarbeiter des Bundesverbandes der Deutschen Industrie.

Die Desorientierung plagt viele. Jeden, der Interessen mit der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) verbindet. Verbandsfunktionäre, Landespolitiker, selbst die Bundes-Beamtenschaft wisse nicht, "was läuft", sagt ein Lobbyist aus der Erneuerbaren-Branche. Der Grund dafür ist die Neuordnung der Zuständigkeiten für den grünen Strom. Früher war das Sache des Umwelt-, heute ist es die des Wirtschaftsministeriums. Die alten Organisationsstrukturen existieren nicht mehr, die neuen sind noch nicht etabliert. Deshalb hakt es, deshalb "hängt vieles noch in der Luft", so ein Lobbyist.

Bei all dem Tohuwabohu ist die politische Gemengelage hochexplosiv. Denn Gabriel, die vermeintlich stärkste Figur im Kabinett der großen Koalition, ist bei seinem ersten Großvorhaben, der EEG-Reform, regelrecht eingeklemmt: zwischen den Interessen von Kohle und Wind, den Begehrlichkeiten hiesiger Landesfürsten und einem bedrohlichen Rechtsstreit mit der Europäischen Kommission. Letzterer ist die größte Herausforderung für ihn. "Das Terrain ist vermint", sagt ein hoher Ministerialbeamter.

Die Brüsseler Instanz bescherte Gabriel ein Riesenproblem, als sie unmittelbar nach dessen Amtsantritt in einem förmlichen Verfahren die Privilegien attackierte, die das EEG der energieintensiven deutschen Industrie einräumt. Nun muss Gabriel den kaum noch abwendbaren Schaden für die betroffenen Unternehmen begrenzen. Diese Mission ist sogar wichtiger als die Reform der Förderbedingungen für die Erzeuger von Grünstrom, die bisher im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte steht.

Unter anderem geht es um Chemiebetriebe, Aluhütten und Zementfabriken. Um sie zu schützen, braucht Gabriel allerdings die Hilfe der Bundesländer, die im Gegenzug von ihm verlangen können, die Wohltaten für ihre jeweiligen grünen Schützlinge nicht zu radikal zu kappen; die Bayern sorgen sich um die Biogasbranche, die Nordländer um ihre Windmüller. Wie geschickt Gabriel sich aus der doppelten Umklammerung durch die deutsche Provinz und die europäische Zentrale löst, entscheidet nicht nur über seine eigene politische Zukunft und über die der Energiewende, sondern auch über den Standort D – und über einige Tausend Arbeitsplätze.

Das EEG hat inzwischen nicht nur jede vierte deutsche Kilowattstunde "ergrünen" lassen, im vergangenen Jahr sorgte die elektrische Energiewende obendrein für eine Umverteilung von 20 Milliarden Euro. Diese Summe, pro Kilowattstunde 6,24 Cent, hatten private Haushalte und der Mittelstand aufzubringen, um die gesetzlich garantierten Ansprüche der Erzeuger von Strom aus Sonne, Wind und Biomasse zu befriedigen. Das Wachstum des von vielen skandalisierten Geldflusses zugunsten der Grünstromproduzenten will Gabriel nun begrenzen. Unter anderem möchte er die Ausbaudynamik der Grünstromerzeugung etwas bremsen, die garantierten Vergütungssätze senken und die Erzeuger stärker als bisher dem Marktdruck aussetzen. Dass ihm dabei Widerstand aus der Ökoszene und auch von Landespolitikern entgegenschlägt, ist wenig überraschend. "Jedes Bundesland versucht, Wertschöpfung im eigenen Land zu halten", so erklärt der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Gefechtslage.

Der ranghohe Grüne ist nicht der einzige Landesfürst, der Änderungen an Gabriels Eckpunkten zur EEG-Reform verlangt. Zu seinen prominenten Kritikern gehört Horst Seehofer (CSU) ebenso wie Christine Lieberknecht (CDU). Selbst sein Parteifreund Torsten Albig, Ministerpräsident in Schleswig-Holstein, ist dabei. Er brandmarkte eine Facette von Gabriels Reformplan mit den Worten: "Das haben wir schon im Sozialismus erlebt ..."