"Außer Atem" (Frankreich, 1960) von Jean-Luc Godard

Von Achim von Borries

Das erste Mal sehe ich den Film etwa 1986 in München im Arri-Kino. Auf dieser riesigen Leinwand – fantastisch! Überwältigt wanke ich aus dem Dunkel des Saals, Zigarette anzünden, tief inhalieren: ein Film, so lässig, wie man selbst gerne wäre, rotzig, existenzialistisch, cool. Ich bügle mir den weiteren Abend mit dem Daumen über die Unterlippe, achten Sie mal im Film drauf: Belmondo macht das anbetungswürdig! Meine charmante Begleiterin trägt ein identisch gestreiftes Bretagne-Shirt wie das von Jean Seberg. Irgendwann frage ich unsicher, ob sie – ich fahre mir wieder mit dem Daumen über den Mund – das attraktiv finde. Sie bezieht die Geste auf ihren Lippenstift, der Abend ist ruiniert, Kino und Wirklichkeit klaffen fundamental auseinander. Ich ein Schüler, er ein Gangster ...

Zehn Jahre später in Berlin, ich studiere Regie. Godards Film läuft – was für ein Kontrast – im winzigsten Kino der Hackeschen Höfe. Es ist Sommer, die Temperatur im Saal steigt auf gefühlte 50 Grad. Liegt es daran, dass mir der Film so lang vorkommt? Zäh. Altbacken. Prätentiös. Wann bitte kommen die beiden endlich aus dem Zimmer raus (siehe Bild)? Gegen Ende wache ich wieder auf, denn diese Szene ist dann doch ziemlich cool: Raucht Belmondo tatsächlich noch im Sterben?

Wieder zehn Jahre später, in Berlin. Vor mir ein zu schreibendes Drehbuch, leere Seiten. Angeblich lässt Paul Schrader (der Autor von Taxi Driver) während der Arbeit immer Filme von Kenneth Anger oder Godard laufen – Filme, die ihn an die Freiheit des Kinos erinnern. Ich lege also Außer Atem ein. Der Film läuft, er ist langsam, aber ... ich tippe ein paar Worte wie nebenbei. Beim dritten Durchgang kenne ich die Dialoge, die Handlung sowieso, Michel und Patricia ziehen mich immer tiefer hinein in ihr Paris der sechziger Jahre. Famous last words: "Du bist wirklich zum Kotzen" – als Liebeserklärung so unkonventionell wie der ganze Film. Und siehe da, Schraders Trick hat gewirkt: Eine erste Seite ist entstanden. Schnell, spiel’s noch einmal!

Von Regisseur Achim von Borries, 45, lief 2013 der Psychothriller Alaska Johansson im Fernsehen

"Down by Law" (USA, 1986) von Jim Jarmusch

Von Hannes Stöhr

Down by Law gehört zu den Filmen, die fast jeder kennt, bei denen sich aber kaum jemand erinnern kann, worum es geht. Wenn ich in einer Menschenschlange warte (bei einem Konzert, vor einem Club oder vor einem Fußballstadion), singe ich regelmäßig "I scream, you scream, we all scream for ... ice cream" vor mich hin, um mir die Zeit zu vertreiben. Meistens kennen einige diesen Refrain, kaum einer weiß aber, dass er aus der berühmten Szene in der Gefängniszelle mit Roberto (Roberto Benigni), Jack (John Lurie) und Zack (Tom Waits) aus dem Film Down by Law stammt. Roberto Benigni, der große italienische Clown, singt diesen Refrain mit purer Lebensfreude, spielt wie ein Kind mit den Wörtern der ihm fremden englischen Sprache. Jack und Zack haben sich sowieso nicht viel zu sagen, sie sitzen unschuldig im Gefängnis. Ihnen gibt Robertos Gesang Hoffnung, sie würden das aber nie zugeben. Roberto soll nach einem Glücksspiel seine Verfolger mit einer Billardkugel aus Versehen getötet haben, behauptet er. Das Trio flüchtet dann aus dem Gefängnis durch die Sümpfe Louisianas, Jack und Zack streiten. Roberto verliebt sich in die Restaurantbesitzerin Nicoletta (Nicoletta Braschi) und bleibt bei ihr. Die Wege von Jack und Zack trennen sich bei der ersten Weggabelung.

Immer wenn ich Down by Law sehe, bleibe ich hängen. Mit seiner Komik, den poetischen, schwarz-weißen Bildern und der scheinbaren Ziellosigkeit der Geschichte gelingt ihm, was die Amerikaner "make the ordinary extraordinary" nennen. "Das Gewöhnliche außer- gewöhnlich machen" ist eine Kunst, Jim Jarmusch ein Meister darin. Wie bei seinen anderen Filmen bleibt bei Down by Law immer Raum für die eigene Fantasie. Jarmusch blickt in seinen Filmen oft unter den Teppich des American Dream, reist mit seinen (Anti-)Helden ins Nirgendwo. Wenn seine Protagonisten überhaupt ein Ziel haben, dann ist es der Weg. Jarmusch träumt in seinen Filmen, er misstraut seinem Verstand und seiner Vernunft. Manchmal habe ich den Eindruck, er überlistet sich und mit ihm den Zuschauer. Mich bekommt er immer.

Hannes Stöhr, 43, ist Regisseur, sein Film Global Player läuft derzeit im Kino