Von jeher hat diese Kolumne ein Herz für Menschen, die im Leben stolpern und nun von den moralisch Bessergestellten dafür verachtet werden. Der Leser denkt nun, wir sprächen von der bettelarmen Alice Schwarzer, die in den dunkelsten Jahren der deutschen Geschichte ihr schwer verdientes Geld in die Schweiz bringen musste, weil ihr die Ausweisung stündlich bevorstand.

Nein, wir sprechen von einem anderen Engel, wir sprechen vom ADAC, ebenfalls einer Einrichtung der alten Bundesrepublik, die nach einem langen untadeligen Leben nun einen Totalschaden zu verzeichnen hat und eine menschenverachtende Hetze über sich ergehen lassen muss – und das nur, weil der ADAC-Präsident sich einmal mit dem Rettungshubschrauber zu einem Termin ins herrliche Wolfsburg fliegen ließ. Aber hallo, wie lebensfremd ist das denn? Sollte der Herr etwa – freie Fahrt für freie Bürger – seinen Porsche benutzen, wo doch Autobahnen wegen der endlosen Dauerstaus unpassierbar sind? Oder sollte er sich allen Ernstes mit der Deutschen Bahn anschleichen, von der bekannt ist, dass sie im Winter wegen Schneeflocken auf dem Gleis oft ausfällt und dann, wenn sie schließlich doch fährt, fahrplanwidrig durch Wolfsburg hindurchrauscht, weil der liebe Lokführer zufällig das Anhalten vergessen hat?

Der ADAC braucht herzliche Verbindungen zur Industrie, schließlich repariert er deren Autos, und wenn diese Autos einmal stromlos am Straßenrand liegen bleiben, dann zaubert der gelbe Engel gleich eine neue Batterie hervor, um sie mit einem zarten Mitarbeiterbonus und keineswegs überteuert, jedenfalls nicht viel, in das vorliegende Pannenfahrzeug einzusetzen. Die Neubatterien hat die Industrie eigens für den ADAC zusammengelötet, und so ist es nur recht und billig, wenn der Umsatz brummt und eine Batterie, die in der Ferne ein gelbes ADAC-Auto erkennt, blitzartig rotsieht und wie elektrisiert zusammenzuckt, um sich dann widerstandslos auswechseln zu lassen, auch wenn sie vielleicht gar nicht kaputt ist.

Eine Hand ölt die andere, sagt man hier im Norden, aber das verstehen die vaterlandslosen Meckerköppe nicht, die sich darüber aufregen, dass beim ADAC-Autotest fast nur einheimische Fahrzeuge gewinnen, obwohl doch Deutschland eine Autoexportnation ist und andere Länder noch nicht einmal das Rad erfunden haben. Tatsächlich sind ADAC-Angestellte gebildete Menschen, denn sie wissen, dass italienische Produkte schon im Prospekt rosten und ein rumänisches Billigauto kein Auto ist, sondern ein sinnloser Blechhaufen, der immer von zwei Fahrern bewegt werden muss: Einer lenkt, und einer schiebt.

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